Nördlicher Stadthallenvorplatz / Stadthalle: Unterschied zwischen den Versionen

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Die Aschrottstraße in ihrer heutigen Führung wurde auf der Nordseite der Stadthalle mit deren Bau im Jahr 1914 zwischen Kirchweg und Kölnischer Straße angelegt. Sie steht in einem axialsymmetrischen Bezug zur Stadthalle und stellt die westliche Grenze der gründerzeitlichen Bebauung (Aschrott) des Vorderen Westens dar. Die straßenbegleitende Wohnbebauung beiderseits der Aschrottstraße entstand auf der Ostseite in den 1930er  Jahren und auf der Westseite als sozialer Wohnungsbau in der Zeit nach dem 2. Weltkrieg. Mit dem jüngsten  Erweiterungsbau (2011, Arch. Reichelt) an der Nordseite der Stadthalle im Konzertgarten ist ein zweiter Haupteingang entstanden. Während die Stadthalle als Kongresszentrum dadurch aufgewertet wurde, bedarf der öffentliche Sraßenraum (Kirchweg, Aschrottstraße, Heinemannstraße) an dieser Stelle noch eine adäquate städtebauliche Gestaltung als Vorplatz. Ein Anfang wurde mit dem gelungenen Umbau der Straßenbahnhaltestelle bereits geschaffen.  
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Die Aschrottstraße in ihrer heutigen Führung wurde auf der Nordseite der Stadthalle mit deren Bau im Jahr 1914 zwischen Kirchweg und Kölnischer Straße angelegt. Sie steht in einem axialsymmetrischen Bezug zur Stadthalle und stellt die westliche Grenze der gründerzeitlichen Bebauung (Aschrott) des Vorderen Westens dar. Die straßenbegleitende Wohnbebauung beiderseits der Aschrottstraße entstand auf der Ostseite in den 1930er  Jahren und auf der Westseite als sozialer Wohnungsbau in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem jüngsten  Erweiterungsbau (2011, Arch. Reichelt) an der Nordseite der Stadthalle im Konzertgarten ist ein zweiter Haupteingang entstanden. Während die Stadthalle als Kongresszentrum dadurch aufgewertet wurde, bedarf der öffentliche Sraßenraum (Kirchweg, Aschrottstraße, Heinemannstraße) an dieser Stelle noch eine adäquate städtebauliche Gestaltung als Vorplatz. Ein Anfang wurde mit dem gelungenen Umbau der Straßenbahnhaltestelle bereits geschaffen.  
  
 
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Version vom 3. Juli 2013, 21:07 Uhr

Basisdaten
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Kurzbeschreibung

Die Aschrottstraße in ihrer heutigen Führung wurde auf der Nordseite der Stadthalle mit deren Bau im Jahr 1914 zwischen Kirchweg und Kölnischer Straße angelegt. Sie steht in einem axialsymmetrischen Bezug zur Stadthalle und stellt die westliche Grenze der gründerzeitlichen Bebauung (Aschrott) des Vorderen Westens dar. Die straßenbegleitende Wohnbebauung beiderseits der Aschrottstraße entstand auf der Ostseite in den 1930er Jahren und auf der Westseite als sozialer Wohnungsbau in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem jüngsten Erweiterungsbau (2011, Arch. Reichelt) an der Nordseite der Stadthalle im Konzertgarten ist ein zweiter Haupteingang entstanden. Während die Stadthalle als Kongresszentrum dadurch aufgewertet wurde, bedarf der öffentliche Sraßenraum (Kirchweg, Aschrottstraße, Heinemannstraße) an dieser Stelle noch eine adäquate städtebauliche Gestaltung als Vorplatz. Ein Anfang wurde mit dem gelungenen Umbau der Straßenbahnhaltestelle bereits geschaffen.

A8 Gelände um Stadthalle 1960er Jahre.jpg

Geschichte

Architektur / Städtebau

An den neoklassizistischen Bau (einschließlich des Erweiterungsbaus aus dem Jahr 2011 (Arch. Reichelt)) der Stadthalle schließt nach Norden der mit dem Ursprungsbau angelegte Konzertgarten mit seitlichen Kolonaden und einer umgebenden Mauer an. Zwei symmetrisch angeordnete und gleichartig gestaltete Torhäuschen mit Tempelgiebeln flankieren die rückwärtige Einfahrt von der Aschrottstraße aus.

Die Aschrottstraße selbst liegt in einer achsialsymmetrischen Beziehung zur Gesamtanlage der Stadthalle mit dem Konzertgarten und hätte wohl nach der gründerzeitlichen Konzeption des Vorderen Westens mit einer gleichartigen geschlossenen, repräsentativen Wohnbebauung (wie z.B. im Kirchweg zwischen Aschrottstraße und Bebelplatz) gestaltet werden sollen. Dazu kam es aber mit und nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr.

Nach Ende des Ersten Weltkrieges ergab sich auch für die bauliche Entwicklung des Vorderen Westens ein Paradigmenwechsel: Nicht mehr repräsentative Geschosswohnungen für eine wohlhabende Bevölkerung (diese baute sich fortan freistehende Villen, allenfalls Doppelhäuser wie westlich anschließend) waren gefragt, sondern preisgünstiger (sozialer) Wohnungsbau.

So entstanden in den 1920er und -30er Jahren an der östlichen Seite der Aschrottstraße einfachere Wohnbauten, die allerdings hier noch der Konzeption einer geschlossenen Straßenrandbebauung folgten.

Die westliche Straßenseite wurde indessen erst nach dem Zweiten Weltkrieg bebaut, wobei auch hier im Wesentlichen sozialer Wohnungsbau zum Zuge kam. Die städtebauliche Konzeption löste sich aber von der geschlossenen Randbebauung und ließ einzelne Wohnblockas entstehen, die teilweise (die 2-geschossigen) von amerikanischen Besatzungssoldaten und deren Familien bewohnt wurden. Diese Bebauung folgte den modernen Zielvorstellungen des optimal belichteten Wohnens in einer grünen Umgebung-auch im innerstädtischen Geschosswohnungsbau. RB

Bedeutung der Straßennamen

Aschrottstraße

Der (spätere) Geheime Kommerzienrat Sigmund Aschrott wurde am 14. Juni 1826 in Hochheim/Main als Sohn eines jüdischen Gutsbesitzers geboren. Die Aschrotts zogen nach Kassel und betrieben hier ein Leinengeschäft (zuerst in der Oberen Karl­s­­stra­ße, später in der Unteren Königsstraße). Nachdem der junge Aschrott eine kaufmännische Lehre in Frankfurt/Main durchlaufen hatte, kehrte er in das väterliche Geschäft zurück, welches durch ihn eine grundlegende Änderung erfuhr. Aschrott belieferte Handwerker aus dem Kaufunger Wald, am Meißner und in der Spangenberger Gegend mit Rohstoffen, um fertige Erzeugnisse zu kaufen und schließlich zu ver­markten. Der Geschäftsmann Aschrott zeichnete sich insbesondere als Förderer be­sonders tüchtiger Mitarbeiter aus, die er schließlich in die Selbstständigkeit führte. Viele - beinahe alle führenden Persönlichkeiten der Kasseler Leinenindustrie - durchliefen die Aschrott'sche Schule. Mit Aschrott wurde nicht nur die Produktion verbessert, sondern es wurden auch Produkte entwickelt, denen nicht selten auf internationaler Ebene Anerkennung entgegengebracht wurde und die unter anderem der noch im Aufkommen begriffenen chemischen Industrie dienten. Doch nicht nur der väterliche Betrieb expandierte durch Aschrotts Tatkraft. In Melsungen beispielsweise übernahm Aschrott die Scholl'sche Weberei, die vor seinem Eingreifen noch von Schließung bedroht war. So wird deutlich, dass Aschrott nicht zuletzt auch entscheidend bei der Beschaffung von Arbeitsplätzen mitwirkte. Obwohl er zu Lebzeiten nur eine zurückhaltende Würdigung für seine Arbeit, seine großzügigen Schenkungen und Stiftungen erfuhr, kommt ihm eine zentrale Bedeutung als Förderer der Entwicklung Kassels zu. Aschrott hatte die Entwicklung anderer größerer Städte beobachtet und verfolgte daher das Ziel, Kassels Stadtgebiet auf ähnliche Weise auszuweiten. Insbesondere ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts spielte er die wesentliche Rolle für die Stadt in der Erschließung des Weststadtteils (Hohenzollernviertel) mit der vorderen Hohenzollernstraße, der Parkstraße, der Bismarckstraße sowie Westend- und Annastraße, der Viktoriastraße und der Kaiserstraße bis zur Querallee, die nun die neue westliche Bebauungsgrenze darstellte. Somit gehörte die frühere westliche Begrenzung bei Ständeplatz und Königstor der Vergangenheit an. Günstige Voraussetzungen für solche Vorhaben waren auch politisch entstanden. Die Annexion und Auflösung Kurhessens 1866 machte Kassel zur Hauptstadt der neu entstandenen preußischen Provinz Hessen-Nassau und damit zum Sitz der preußischen Regierung und der Heeresverwaltung. Mit der Annexion ging aber auch durch die Einführung der Gewerbefreiheit 1869 die staatliche Bevormundung der Wirtschaft zu Ende und dies ermöglichte der Stadt einen Aufschwung, in dem neue Fabriken und Großbetriebe entstanden. Aschrotts städtebauliche Aktivitäten reichten danach in die Gemarkungen der selbstständigen Gemeinden Wehlheiden, Wahlershausen und Kirchditmold hinein, wo er von Privatpersonen (meist Bauern) Land kaufte und Straßen anlegte (als Privatmann!) - also die Voraussetzungen für eine städtische Bebauung schuf. Die städtebaulichen Pläne entwarf der bedeutende Städtebauer Hermann Joseph Stübben. In der Schrift des Stadtmuseums "Wehlheiden. Vom Dorf zum Stadtteil" heißt es zum städtebaulichen Aspekt: "In den Gemarkungen der damals noch selbständigen Gemeinden Wehlheiden, Wahlershausen und Kirchditmold erwarb die Aschrott'sche Grundstücksverwaltung insgesamt ca. 140 ha privaten und öffentlichen Grund und Boden zum Preis von 0,60 bis zu 1,00 Mark pro Quadratmeter. Einige der Bauern bezogen nach den Verkäufen ihrer Wiesen und Äcker nunmehr als Privatiers eigene Villen im vornehmen ‚Hohen­zollern-Viertel'. Das abschüssige und hügelige Gelände erforderte eine besondere An­lage der Straßen. Zum Beispiel machten die Hanglagen am Kratzenberg spitze und stumpfe Winkel in der Straßenführung notwendig. So entstanden westlich der Querallee Plätze und Straßenkreuzungen, auf welche die neuen Straßen nicht mehr so steil zuliefen, wie die zuvor östlich der Querallee angelegten. An den Verkehrsknotenpunkten wurden baumbestandene Grünanlagen geplant, die wie der Neumarkt (Bebelplatz), Kaiserplatz (Goethestraße, in Höhe des Finanzamtes) und wie der heutige ,’Goethe­-stern’ zum Flanieren einladen sollten. (…) Von 1884 bis 1894 ist westlich der Querallee ein Straßennetz von 11 km Länge, mit breiten zumeist mit Mosaikpflaster verzierten Bürgersteigen entstanden. Dazu waren auf einer Baufrontlänge von ca. 24 km umfangreiche Erdbewegungen, Dammaufschüttungen und Stützmauern notwendig. Ein großzügig angelegtes Wohnviertel ohne störende Industriebetriebe sollte es werden. Villen sollten entstehen, höchstens vierstöckige Häuserzeilen, repräsentative Wohnungen für höhere Beamte und Angestellte mit großen, hohen und lichtdurchfluteten Räumen. Vorgärten und Grünanlagen sollten für genügend Licht und Luftzufuhr sorgen, Alleen und Boulevards mit Baumreihen zu beiden Seiten den eher vornehmen Charakter des ‘Hohenzollern-Viertels’ betonen. Einige Straßen sollten in begrünte Plätze wie zum Beispiel den Neumarkt (Bebelplatz) oder den Luisenplatz münden. Sigmund Aschrott plante das neue Stadtviertel zukunftsorientiert, voll pulsierenden städtischen Lebens. Nicht nur waren für die Kaiserstraße (Goethestraße) Reitwege vorgesehen, die Hauptstraßen wurden auch breit anlegt, um das zu erwartende höhere Verkehrsaufkommen bewältigen zu können. Von den ca. 140 ha Land, das Aschrott von Privatleuten und den umliegenden Gemeinden Wehlheiden, Kirchditmold und Wahlershausen erworben hatte, wurden ca. 31 ha zur Errichtung von breiten Straßen, großzügig gestalteten Plätzen und Grünanlagen ver­wandt. Aschrotts Aufwendungen für Straßenbauten und Infrastrukturmaßnahmen betrugen mehr­ere Millionen Mark. Die Investitionen waren groß, zumal in den Ländereien offene Wasserläufe kanalisiert, umgeleitet oder trockengelegt werden mussten. Auf den Baustil der auf ihren Grundstücken errichteten Häu­ser hatte die Aschrott'sche Grund­­stücksverwaltung keinen direkten Einfluss, beim Verkauf der Grundstücke ließ sie aber einheitlich eine Grunddienstbarkeit darauf eintragen, die Lärm, Dampf oder üblen Geruch verbreitendes Gewerbe auf den belasteten Grundstücken untersagte, mit dem Ziel, ein Absinken des Wohnwertes im ,’Hohenzollern-Viertel’ zu verhindern."

Aschrott war stets bemüht, Bewohner sowie auch zentrale Behörden nach Kassel zu ziehen. So schenkte er der Stadt beispielsweise den Baugrund für eine englische Kirche in der Murhardstraße, um die in Kassel lebenden Engländer zu halten. Auch war es Aschrott, der das Bauunternehmen C. Zulehner & Co. nach Kassel holte, womit letztendlich der Bau vieler Häuser und dementsprechend ein Wohnungsüberschuss einherging, dem der Bevölkerungszuwachs der Stadt zunächst nicht nachkommen konnte. Doch auch andere Bauunternehmen profitierten in Zeiten finanzieller Engpässe von der Tätigkeit Aschrotts. Heute noch sind die Auswirkungen seines Wirkens spürbar. Nicht nur die Tatsache, dass es sich beim Kasseler Westen um ein industriefreies Wohngebiet handelt, sondern auch die unzähligen Schenkungen und Stiftungen, die Kasseler Bürgern bis heute zu Gute kommen, sind eindeutig Aschrotts Verdienst. Zu diesen gehörten neben bereits erwähnten Schenkungen drei Parks, die mit der Absicht, das Stadtbild durch Grünanlagen aufzulockern, angelegt wurden: der Bismarckpark (später Reichsbahn- bzw. Bundesbahndirektion), der Aschrottpark und der Florapark, den Aschrott schließlich der Stadt mit der Bedingung, hierauf bis 1913 eine Stadthalle zu errichten, als Schenkung übergab. Darüber hinaus gingen die so genannte "Kasseler Stadteisenbahn", eine Pferdebahnlinie, ebenso wie der Brunnen am Rathaus auf Aschrott zurück. Er gewährleistete die Voraussetzungen für die Gründung verschiedener Lehrstätten, stellte Grundstücke für den Bau von Kirchen zur Verfügung (Adventskirche, Rosenkranzkirche), zeigte sich entgegenkommend beim Erwerb des Grundstückes für die lutherische Friedenskirche und ermöglichte dem Hessischen Diakonissenhaus einen erheblichen kostenlosen Flächenzuwachs seines Geländes. Ähnliche Stiftungen fanden auch durch seinen - neben vier Töchtern - einzigen Sohn Paul Felix Aschrott statt, denen z. B. das Wohlfahrtshaus in der Obersten Gasse und das Marie von Boschan-AschrottHeim zu verdanken ist (vgl. Felix Aschrott, Marie von Boschan-Aschrott Heim). 1885 siedelte Aschrott nach Berlin über, wo er am 5. Mai 1915 im Alter von 88 Jahren verstarb und auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt wurde. Hier zeugt ein großes Mausoleum vom irdischen Reichtum eines Unternehmers. Bis zum Tode Aschrotts war die Bebauung des Weststadtteils etwa bis zum Bebelplatz vorgerückt. Große Flächen Bauland gingen noch aus seinem Nachlass in den Besitz der Stadt Kassel über - immer mit der Auflage, auf diesen Gebieten keine Ansiedlungen von Industrien zuzulassen. Im Zentrum des Interesses von Aschrott hatte stets die Schaffung eines Stadtteils für die Menschen aller Schichten und Stände gestanden, in dem diese ein gesundes und zufriedenes Leben führen konnten. Damit hatte er nicht ganz Erfolg, obwohl er im Westen vereinzelt auch den Arbeiterwohnungsbau förderte und der neue Stadtteil nicht ganz so homogen bürgerlich und von Offizieren geprägt war, wie das immer angenommen wird. Mit dem in der Stadt Kassel vorherrschenden Baustil hat sich Aschrott eher nicht identifizieren können. Trotz aller offensichtlichen Gewinne für Kassel und Umgebung, die auf den Industriellen Aschrott zurückgehen, waren und sind die Meinungen über ihn bis heute gespalten: Während ihn die einen als Geschäftsmann harter Prinzipien, als Spekulanten, kritisieren, wird er andererseits als großzügiger Wohltäter gepriesen, der sich durch eine fein gebildete Persönlichkeit ebenso wie eine ungeheure Tatkraft, einen enormen Einsatz seines Vermögens und einen schlichten Lebensstil auszeichnete. Antisemiten äußerten (natürlich) immer wieder Kritik an dem Juden Aschrott, oft erschien sein freies Unternehmertum fremdartig und verdächtig (vielleicht auch deshalb, weil es sich unter den hessischen Fürsten nie hatte wirklich entfalten können). Nachdem Antisemiten 1933 zur herrschenden Partei in Deutschland geworden waren und eine Diktatur errichteten, verschwand Aschrotts Name vom Stadtplan, was nach 1945 wieder rück­gängig gemacht wurde. Die heutige Aschrottstraße ist jedoch nur ein kleiner Teil der ursprünglichen. Neben dem Straßennamen sollte auch alles andere, was an ihn erinnert hätte, verschwinden: Das Marie von Boschan-Aschrott-Heim, das offen war für alle Glaubensrichtungen, musste sich Tannenkuppenheim nennen. Der Aschrottbrunnen wurde zerstört und 1943 in ein Blumenbeet umgewandelt. "1963 wurde er wiederum in einen Springbrunnen umgestaltet, bis er in den 80er Jahren, in Folge großer Anstrengungen des Vereins zu Rettung historischer Denkmäler und anlässlich der Documenta 8 wiederaufgebaut wurde. Der Künstler Hoheisel gestaltete den Brunnen 1987 als ‚offene Wunde', das heißt er wurde als hohler Kegel in den Boden hineingebaut. Hoheisel bezweckte mit seinem Kunstwerk, dass man, wenn man in der Mitte des Brunnen steht, sich an die Historie des Aschrottbrunnens erinnert und die Gedanken mit dem hinabstürzenden Wasser in die Geschichte hineingezogen werden", heißt es auf der Internetseite der Stadt Kassel. Das Gesicht Kassels hat Aschrott wie kaum ein anderer geprägt und nicht selten ging er dabei über das hinaus, was rein vertragliche Festlegungen von ihm gefordert hätten.

Kirchweg

Wenn sie zur Kirche gingen, hatten die Wehlheidener über lange Zeit hinweg, einen langen Weg zurückzulegen, den Kirchweg, der von Wehlheiden nach Kirchditmold in die dortige Kirche führte. Denn das urkundliche erstmals 1143 erwähnte Dorf “Wehlhede” besaß bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts keine eigene Kirche und war Filialdorf von “Dietmelle”, dem heutigen Kirchditmold, und auf dessen Kirche angewiesen Die heutige Straße entspricht weitgehend dem Verlauf dieses Weges, der von der Wilhelmshöher Allee an ein offener Feldweg war und die Drusel (heute unterirdisch kanalisiert) überquerte, allerdings nicht in der Nähe der Stadthalle aufhörte. Diesen Weg hatten auch Wehlheider Leichenzüge zur Mutterkirche zu nehmen. Mit dem von Sigmund Aschrott geförderten Bau der Adventskirche erhielt die evangelische Gemeinde in Wehlheiden ihre eigene Kirche, der Weg nach Kirchditmold entfiel.

Heinemannstraße

Obwohl die zwischen Kirchweg und Gilsastraße verlaufende Straße nach dem Arzt Dr. Theodor Heinemann benannt wurde, ist in den Archiven der Stadt kaum etwas über ihn zu finden. Zu erfahren ist, dass Heinemann am 18.11.1850 in Großalmerode geboren wurde und als Geh. Medizinalrat das Gesundheitsamt in Kassel aufbaute, dessen erster ärztlicher Leiter er selbst war. Er starb am 26.4.1934. Zu dieser Zeit hatten die Nationalsozialisten bereits die Herrschaft, unter der die Heinemannstraße in Wakenitzstraße umbenannt wurde. Unterlagen über die Motive liegen nicht vor. Plausibel erscheint aber, dass eine der wenigen damaligen Straßenumbenennungen im Vorderen Westen mit seiner liberalen Haltung und insbesondere der seiner Töchter zu tun hatte. Die zum Dr. med. und Dr. phil. promovierte Käthe Heinemann (1889-1972) war unter anderem Oberschulrätin. Margret Heinemann (1883-1968) verdankte der offenbar weltoffenen und fortschrittlichen Gesinnung des Vaters, dass sie zu der ersten Generation von Frauen gehörte, die in Deutschland das Abitur ablegten und studierten. Da das im preußischen Kassel nicht möglich war (die erste zum Abitur führende Schule wurde mit der heutigen Heinrich-Schütz-Schule erst 1909 gegründet), besuchte sie das einzige humanistische Mädchengymnasium in Deutschland im badischen Karlsruhe, um danach Latein, Griechisch, Geschichte und Archäologie in München, Berlin und Bonn zu studieren, wo sie 1909 promovierte. In den Jahren danach war sie Weggenossin und Mitarbeiterin der Frauenrechtlerinnen Gertrud Bäumer und Helene Lange. Nach einer relativ kurzen Lehrerinnentätigkeit leitete Margret Heinemann das Dezernat für das Höhere Mädchenschulwesen in Preußen als Ministerialrätin unter verschiedenen Ministern. Für den nationalsozialistischen Minister Rust war für eine derart fortschrittliche und demokratische Frau in dem von ihm übernommenen Ministerium kein Platz mehr. Aus dem Amt bereits 1933 entlassen, ging Käthe Heinemann nach Kassel zurück und konnte nur noch privat arbeiten. Hier gründete sie nach dem Ende der NS-Herrschaft mit einigen anderen die Deutsche Demokratische Partei (die spätere FDP), kam 1948 in den ehrenamtlichen Magistrat, gab der Bildungspolitik wichtige Impulse und stand von 1951-1961 dem (wiederbelebten) Kunstverein vor. Nach 1945 wurde die Wakenitzstraße wieder in Heinemannstraße umbenannt. Die Verantwortlichen zogen dann doch eine fortschrittliche Tradition der Erinnerung an Militär und fürstliche Traditionen vor.

Sehenswürdigkeiten / Besonderheiten

Weblinks

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Dateien

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Literatur