Luisenplatz / ehem. Bosemuseum

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Kurzbeschreibung

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Beginnend mit dem als Schmuckplatz um 1880 angelegten Luisenplatz, dessen Form und Funktion sich bis heute kaum verändert haben, gab die Stadterweiterung das rechtwinklige System westlich des Ständeplatzes auf und führte Diagonalen in den Stadtgrundriss ein. Die Bebauung rund um den Platz ist ein Ergebnis der Nachkriegszeit. Aus früherer Zeit erhalten geblieben ist lediglich die Schule am Königstor, während die Anfang des 19. Jahrhunderts im Auftrag Jérôme Bonapartes errichtete Stadtkaserne (im 2. Weltkrieg zerstört) ebenso wenig erhalten geblieben ist wie das Bose-Museum oder die zur Westerburgstraße hin gelegene Feuerwache (beide in der Nachkriegszeit abgerissen). Vom Bosemuseum blieben lediglich die Replik eines Grabdenkmals für das Ehepaar Bose und zwei Säulen aus dem Eingangsbereich, die heute auf einem Privatgelände stehen und neuerdings sich einer deutlicheren Würdigung erfreuen.


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Geschichte

Luisenplatz

Zwischen der Westerburg- und Luisenstraße: eine dreieckige Grünfläche, Bäume, die Schatten spenden, Auslauf für Hunde, Sitzgelegenheiten. Der Luisenplatz ist heute für viele Bewohner des Vorderen Westens - anders als die meisten Plätze im Stadtteil - ein idyllischer und ruhiger Ort, der jedoch leider nicht so viel Aufmerksamkeit in Form von Pflege bekommt, wie ihm eigentlich zustände, und der auch - zumindest zeitweise - eine Szene anzieht, die Anwohner nicht gerne sehen. Er entstand in den 1880er Jahren als Schmuckanlage im Rahmen der Stadteweiterung nach Westen. Folgte diese in den Jahrzehnten zuvor einem rechteckigen System (vom Ständeplatz bis zur Westendstraße), so beginnt spätestens am Luisenplatz der Übergang zu einem System mit zahlreichen Diagonalen im damaligen Hohenzollernviertel, dem heutigen Vorderen Westen. In der heutigen Gestalt wurde der Platz, der von Anfang an als Schmuckplatz gedacht war, 1886/88 im Fluchtlinienplan festgestellt und erhielt 1889/90 offiziell seinen noch immer bestehenden Namen, der an eine große Stifterin erinnert. Aschrott selbst engagierte sich am Platz und neben ihm baute seit 1892 der Bauunternehmer Zulehner mehrere Mietshäuser, von denen heute allerdings keines mehr erhalten ist. Man erneuerte die Anlage bereits 1896/1897 und fügte ihr 1905 einen Kinderspielplatz hinzu. Eine weitere Umgestaltung erfolgte durch Rudolf Stier 1935/36. Dabei wurde z. B. die Stelle mit den Sitzplätzen erhöht und der Platz - wie es in einem zeitgenössischen Zeitungsartikel heißt - „von wüstem Gestrüpp“ befreit. Die heutige Gestaltung hat der Platz aber erst, seitdem er 1954 erneut in Stand gesetzt wurde. Haben sich die Form des Platzes und seine Funktion im Laufe von mehr als hundert Jahren kaum verändert, so hat die Bebauung an seinem Rand und näheren Umgebung kaum mehr etwas mit dem ursprünglichen Zustand gemein. An öffentlichen Gebäuden existiert in seiner Nähe nur noch die Schule am Königstor aus den 1890er Jahren. Die ursprünglichen Wohnhäuser fielen ebenso dem Krieg zum Opfer wie die Städtische Kaserne, während das Bosemuseum und die lange hier beheimatete Feuerwache dem Abriss in der Nachkriegszeit anheim fielen - drei verschwundene Orte. Am Platz stehen jetzt Gebäude aus den 1950er und 1960er Jahren, die zum Teil bereits denkmalwürdig sind.

Die verschwundene Stadtkaserne

Wo sich heute die Königstorhalle, Wohnhäuser der Nachkriegszeit und der sog. Badogliohügel befinden, zwischen Luisenstraße, Westendstraße und Nebelthaustraße, befand sich bis zu seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg der gewaltige Gebäudekomplex der Stadtkaserne. Ihr Bau wurde am 14. Februar 1811 von Jérôme Bonaparte verordnet. Der Bruder Napoleons, „König Lustik“, residierte zu dieser Zeit als König von Westphalen in dessen Hauptstadt Kassel und wollte die Stadt vom Druck der Einquartierung französisch-westfälischer Truppen entlasten. Die Kaserne sollte Platz für 3000 Mann schaffen, die Kosten dafür sollte größtenteils die Stadt Kassel übernehmen. Ursprünglich an der Holländischen Straße geplant, entschied man sich letztlich für das an der Drusel gelegene Ackerland an der Luisenstraße. Im Mai 1811 begann man mit dem Bau, nach Plänen des Oberinge­nieurs Ganzers sollte er bereits 1813 bezugsreif sein, was so jedoch nicht verwirklicht werden konnte. Als Kaserne diente dieses Gebäude nicht lange. Lediglich 1813 war eine Abteilung Garde-Husaren in der Kaserne untergebracht, diese verließ sie jedoch, als Tschernitscheff mit den Kosaken in Kassel eindrang, und kam nochmals zurück, um Kassel im Oktober 1813 mit Jérôme endgültig zu verlassen. Für Kurfürst Wilhelm I., der wieder in Kassel einzog, schien dieses unfertige Gebäude nutzlos. Man versuchte es zu verkaufen, jedoch ohne Erfolg. Von da an diente das Gebäude zahlreichen Zwecken, aber nur zeitweilig militärischen. Ab November 1819 überließ die Stadt z. B. einen großen Teil des Gebäudes als „Wilhelms-Institut“ den vereinigten Armen- und Werkhausanstalten. Später wurde es auch als Versorgungs- und Entbindungsanstalt sowie als Kinderstation für hilfsbedürftige Säuglinge, Klein- und Schulkinder benutzt. In den 1920er Jahren fanden hier - angesichts der Nachkriegsnot - Quäkerspeisungen statt. Große Teile der Kaserne waren von der Stadt als Einzelwohnungen vermietet. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wohnten in der Kaserne 265 Parteien, meistens Familien, bis der große Komplex, der zum großen Teil aus einer Fachwerkkonstruktion bestand, als Opfer der Bomben völlig zerstört wurde.

Die verschwundene Feuerwache

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Als sich im Jahre 1899 Wehlheiden mit Kassel zusammenschloss, wurde eine zweite Feuerwache nötig, um den Brandschutz im westlichen Teil der Stadt zu sichern. Man richtete also eine zweite Feuerwache in der alten Stadtkaserne an der Luisenstraße ein. Mit der Auflösung der freiwilligen Feuerwehr 1907 wegen mangelnden Interesses der Mitglieder gab es nur noch eine Berufsfeuerwehr. 1907 weihte man einen neuen Gebäudekomplex ein, der sich an der Nebelthau- und Westerburgstraße befand. Diese Feuerwache wurde nun zur Hauptwache, die damalige Hauptfeuerwache in der Mauerstraße jetzt zur zweiten Feuerwache. Als im Juni 1913 die Feuerwehr motorisiert wurde, zählte sie zu einer der modernsten im Deutschen Reich. Arbeit und Leben eines Feuerwehrmannes in dieser Zeit spiegelt eine Ordnung aus dem Jahr 1904. Feuerwehrleute hatten damals in 400m Umkreis von der Wache zu wohnen, durften das Stadtgebiet nur mit Erlaubnis des Branddirektors verlassen. Während der langen Abwesenheiten von der eigenen Wohnung wurden sie von ihren Frauen mit Essen versorgt.

Zum ersten Mal im Jahr 1916 stellte die Feuerwehr - im Zeichen des Ersten Weltkrieges - weibliche Hilfskräfte als Telegraphistinnen und Telefonistinnen ein, da es an männlichen Kräften fehlte. Zu dieser Zeit beträgt die Personalstärke offiziell 86 Beamte - ein Zahl, die im Krieg nie erreicht werden kann. In der NS-Zeit wurde die Feuerwehr Kassel der Polizei angegliedert und hieß nun „Feuerlöschpolizei“, deren Beamte gleichzeitig Hilfspolizisten waren und bereits 1933 den sog. „Deutschen Gruß“ zu entbieten hatten. In der Dienstvorschrift hieß es: „Der Gruß für die Beamten besteht im kurzen Heben des rechten Armes. Es ist freigestellt, zu dieser Grußbezeugung ‘Heil Hitler’, ‘Heil’ oder gar nichts zu sagen. Andere Worte sind aber gleichzeitig mit dem Deutschen Gruß nicht zu sagen. Beamte in Uniform wenden auch mit Kopfbedeckung in und außer Dienst den Deutschen Gruß an.“ Im Zweiten Weltkrieg, in dem wiederum Frauen Dienst leisten, blieb die Feuerwache im Gegensatz zur Stadtkaserne in ihrer unmittelbaren Nachbbarschaft von Bomben relativ verschont. Lediglich das Dach erlitt größere Schäden, die sich jedenfalls nach dem Krieg wieder so instandsetzen ließen, dass den Forderungen der Amerikaner nachgekommen werden konnte, weiterhin am Standort eine einsatzbereite Berufsfeuerwehr aufzustellen. Anfang 1962 kam man - auch auf Grund der steigenden Verkehrsdichte - zu dem Schluss, dass ein günstigerer Standort für die Hauptfeuerwache zu wählen sei, der den damaligen Anforderungen nicht mehr zu genügen schien. Am 29. September 1970 wurde nach über sechsjähriger Bauzeit die neue Hauptfeuerwache an der Wolfhagerstraße eingeweiht, womit die Feuerwehr aus dem Vorderen Westen verschwand. Wenige Wochen danach riss man dem Schlauchturm ab, bis ins Jahr 1971 die übrigen Gebäude der Wache, die Wohnkomplexen weichen mussten. So zeugt nichts mehr, von dem was einmal hier war - zumindest aus denkmalpflegerischer und aus heutiger Sicht von manchem bedauert.


Das verschwundene Museum

Zwischen Luisenplatz und Königstor stand bis zum Ende der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts das sog. Bose-Museum, es war ein Geschenk der Kunstliebhaberin, Stifterin und Mäzenin Luise Bose. In ihrem Testament vermachte sie der Stadt Kassel in ihrem Sterbejahr 1883 ein 20 Ar großes Grundstück. Dort wurde ein Museumsgebäude er­r­ichtet, in dem die umfangreichen Sammlungen des Ehepaars Bose aufgenommen wurden. Erst 1896 hatte auch die Öffentlichkeit Zutritt zum sogenannten Bose Museum, in dem u. a. Werke von Tischbein und Spitzweg, aber auch Bilder der landgräflichen Familie, Möbel, Urkunden und andere persönliche Andenken der Familie Bose zu sehen waren Trotz dieser zahlreichen Kunstschätze bleiben die Besucher aus, wie der städtische Konservator und Restaurator Arthur Ahnert 19190 beklagte: „Leider findet dieses kleine Museum bei der hiesigen Einwohnerschaft wenig Beachtung, obwohl des vieles Interessantes ibrgt. Es ist bedauerlich, dass dieser Kunsttempel so stiefmütterlich behandelt wird, da ein Besuch auf alle Fälle lohnt.“ 1921 wird das Museum deshalb sogar geschlossen. Die Bestände, die den Zweiten Weltkrieg überstanden, werden heute im Stadtarchiv und den städtischen Kunstsammlungen aufbewahrt. In den folgenden Jahrzehnten beherbergte das Museumsgebäude ein Rentnerheim mit Suppenküche und nach dem Zweiten Weltkrieg die Bandagenfabrik „Brandau & Sohn“, bis es - obwohl im Zweiten Weltkrieg weitgehend unzerstört geblieben - 1958 dem Abriss anheim fiel. Was übrig blieb, sind zwei Stelen und ein Relief aus weißem Marmor, das ursprünglich in der Eingangshalle des Museums stand. Es ist eins von zwei identischen Grabreliefs, das das Ehepaar Bose zeigt und für Lusie Bose noch zu ihren Lebzeiten an ihrem Wohnort Baden-Baden vom dortigen Bildhauer Prof. Joseph von Kropf geschaffen wurde.


aus: Matthäus, Plätze

Sehenswürdigkeiten / Besonderheiten

Von dem Bosemuseum sind nur noch Überreste vorhanden, so die Replik des Grabreliefs für das Ehepaar. Es befindet sich neben der Luisenstraße auf einem Privatgrundstück in einem inzwischen gereinigten Zustand, aber immer noch ohne jeden Hinweis darauf, worum es sich hier handelt.

Zerstörung und Wiederaufbau

Die ursprüngliche Randbebauung des Platzes wurde im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört und durch Bauten im Stil der 1950er Jahre ersetzt, die heute auch aus denkmalpflegericher Sicht besonders gewürdigt werden. Deren Abschluss bildet an der Goethestraße das von Bode entworfene Hochhaus.


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Luise Bose

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Die spätere Gräfin Luise von Bose wurde am 26. Februar 1813 als erstes uneheliches Kind des Kurprinzen Wilhelm in Berlin geboren. Ihre Mutter, die schöne Emilie Ortlöpp, war die Tochter eines einfachen Goldschmiedes. Sie wurde die große Liebe des späteren Kurfürsten und schenkte ihm noch weitere 7 Kinder. Nachdem der Prinz als Kurfürst Wilhelm II. den Thron bestiegen hatte, siedelte Luise mit ihrer Mutter in die Residenzstadt Kassel um und wurde 1828 in den Adelsstand erhoben. Von nun an lebte sie unter dem Namen Gräfin von Reichenbach-Lessonitz. 1830 verließ die Gräfin Kurhessen und lebte fortan in Frankfurt, Wiesbaden und Baden-Baden. 15 Jahre später heiratete sie den Sohn eines sächsischen Hofmarschalls, Graf Carl August von Bose. Trotz der Tatsache, dass Luise Bose in Kassel nur wenige Jahre gelebt hatte, blieb sie der Heimatstadt ihres Vaters selbst aus der Ferne immer treu und agierte als großzügige Wohltäterin. Gemeinsam mit ihrem Mann machte sie der Stadt Kassel noble Geschenke und unterstützte durch großherzige finanzielle Spenden unter anderem die Armen, Waisen, Verwitweten und Kranken. 1879 stiftete sie dem ersten Kinderkrankenhaus Kassels mit dem Namen "Kind von Brabant" ein neues Heim. Des Weiteren war Gräfin Luise von Bose auch als eine große Kunstliebhaberin und zugleich Förderin von Kunst und Wissenschaft bekannt. So gab sie beispielsweise mittellosen Malern sowie Bildhauern Stipendien und unterstützte ebenso gewissenhaft die naturwissenschaftliche Forschung in Kassel. Nur wenige Monate vor ihrem Tod schenkte die Gräfin der Stadt Kassel am 21. Juni 1883 ein etwa 20 Ar große Grundstück und ließ dort ein Gebäude errichten, das als Aufbewahrungsort ihrer großen Gemäldesammlung und anderer Kunstschätze dienen sollte. Nach ihrem Tod am 3. Oktober 1883 wurde der Besitz des so genannten Bose-Museums durch weitere Kunstgegenstände des Ehepaares Bose erweitert und von der Gräfin persönlich in ihrem Testament der Stadt Kassel vermacht. Der entstandene Kunsttempel enthielt mehr als 130 Gemälde von bedeutenden Künstlern (wie beispielsweise Tischbein, Calame, Spitzweg), wertvolle Porzellane, viele Familiengegenstände, Medaillen, Münzen, seltene Bücher und Urkunden und vieles mehr. 1887 wurde diese Stätte an der schon damals zur Ehre der Gräfin benannten Luisenstraße 5 als Museum für das Kasseler Publikum freigegeben. Leider genoss das Museum keine große Beliebtheit und wurde sehr "stiefmütterlich" von den Kasselern behandelt. Deswegen wurde es bereits 1921 aufgelöst und das Gebäude 1958 abgerissen. Das Einzige, was von der Kunststätte der Luise Bose übrig geblieben ist, ist ein Relief. Diese Skulptur kann man heute noch an der Luisenstraße bewundern. Auf diese Weise erinnern nicht nur die Straße und der Platz, sondern auch diese Arbeit des Bildhauers Prof. Josef von Kopf an eine der größten Wohltäterinnen, die Kassel jemals hatte.

aus: Matthäus, Hohenzollernviertel

Weblinks

Kassel West e. V. zum Denkmal und Museum

Kassel West e. V. zur Stadtkaserne


Literatur

Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Kassel II, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, bearbeitet von Thomas Wiegand, Wiesbaden 2005

Lemberg, Margret; Grafin Luise Bose und das Schicksal ihrer Stiftungen und Vermächtnisse. Marburg 1998

Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010

Wolfgang Matthäus (Hg.), Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und „Geschichtspolitik“, Kassel 2005