Kölnische Straße / Tannenwäldchen

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Kurzbeschreibung

Wie die Holländische Straße nach Norden, die Leipziger Straße nach Osten und die Frankfurter Straße nach Süden markiert die Kölnische Straße einen alten, aus der Stadt heraus führenden Handelsweg - in diesem Fall nach Westen. Stadtauswärts, kurz vor der Aschrottstraße, befinden sich auf der rechten Seite noch heute sog. “Steinerne Bänke” und eine kleine Messingtafel klärt über sie auf. Auf ihr heißt es: „Diese steinernen Bänke dienten vor der Zeit der Motorisierung zum Ausruhen auf der Höhe des Weges zwischen Kassel und den Dörfern, die auf diesem alten Handelsweg zu erreichen waren. Die auf dem Rücken oder Kopf getragenen Lasten, z. B. der Bauern, Händler oder Botengänger, konnten so in bequemer Höhe hinter der Lehne abgelegt und wieder aufgenommen werden.” Manches war sicher für den Markt auf dem Königsplatz bestimmt. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts erhob die Stadt am Eingang in das Stadtgebiet "indirekte Abgaben" auf verschiedene "eingehende Gegenstände". Davon zeugt noch heute das ursprüngliche städtische Steuerhaus an der Kreuzung Kölnische Straße und Querallee.

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In der Nachbarschaft

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Die Nachbarschaft der "Steinernen Bänke", der "Ruhen" ist geprägt durch eine Villenbebauung mit nach Süden abfallenden, terassenförmigen Gärten.

In der Nähe der Bänke befindet sich in der Kölnischen Straße 183 ein Gebäudekomplex um eine Villa herum, die bei den ursprünglichen Planungen im Rahmen der Bewerbung Kassels als vorläufige Bundeshauptstadt als Sitz des Bundespräsidenten vorgesehen war, bevor man dafür Schloss Wilhelmstal oder auch Schloss Wilhelmshöhe vorschlug. Ursprünglich 1923 für einen Kaufmann nebst "Autohalle" errichtet, bewohnte seit 1929 die Familie eines Bergrates und Generaldirektors die großzügige Villa, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Stadt als Gästehaus diente. 1952 kam sie in den Besitz von Wintershall, 1959 in den der Bundesbahn, die hier eine Bahnschule einrichtete, für die sie die Villa um 1960 durch einen Neubau einen Neubau in Stahlbetonskelettbau zur Unterbringung von Internatsschülern ergänzte. Sie lernten hier den Beruf des Lokomotivführers.

1960 erfolgte der Kauf des Gebäudekomplexes durch die Genossenschaft „Gemeinsam Leben eG“ zum Aufbau des Gemeinschaftsprojektes Villa Locomuna, dier hier alternatives, gemeinsames Leben anbietet.

Zwischen Berlliner Platz und der Riedeselstraße entstand in den 1920er Jahren ein von Dupont geplantes Wohnviertel für Finanzbeamte, das im Volksmund "Blutsaugerkasernen" genannt wurde. In Abkehr von der Blockrandbebauung der Vorkriegszeit wurden die Gebäuden in Zeilen und Nor-Süd-Richtung angeordnet.

Bedeutung von Namen / Geschichte

Die Namensgebung des Tannenwäldchen verweist auf natürliche und gewordene Gegebenheiten, auch wenn Tannen in unserer Gegend eher selten sind und häufig mit Fichten verwechselt werden.

Stadwäldchen war die ursprüngliche Bezeichnung des Tannenwäldchens. Während der Zeit der Revolution 1848/49 machten es Kasseler Demokraten zum Ort des Gedenkens an Robert Blum. Der 1807 in Köln geborene Blum, der als Führer der liberalen Bewegung in Sachsen volkstümlich geworden war, reiste als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung nach Wien, um die Solidarität der Nationalversammlung mit den dortigen Demokraten zu bekunden. Von der Gegenreaktion verhaftet, wurde er zum Tode verurteilt und am 9.11.1848 hingerichtet, was wegen seiner parlamentarischen Immunität einen Proteststurm in den anderen deutschen Staaten auslöste. In Kassel kam es zu einer Demonstration und Versammlung auf dem Königsplatz und das “Volkskomitee” der Demokraten beschloss die Pflanzung einer Robert-Blum-Gedächtnis-Eiche im Tannenwäldchen, die mit Genehmigung des Magistrats, der dafür eine Stelle frei gegeben hatte, am 10. April 1849 stattfand, auch wenn die “Sicherheitsbehörden” einige Auflagen gemacht hatten und “Alarmbereitschaft” demonstrierten. Schon wenige Monate später wurde die Robert-Blum-Eiche abgesägt. Die Täter wurden nicht ermittelt. Im Zeichen der Reaktion nach der Revolution blieb selbstverständlich der Vorschlag der radikal-demokratischen Kasseler Zeitung “Hornisse”, das Tannen-/Stadtwäldchen in “Robert-Blum-Wäldchen” umzubenennen, aussichtslos. 1947 wurde Robert Blum vorübergehend zum Namensgeber einer Straße - auch dies eine Würdigung, die nur bis 1949 Bestand hatte, so dass es keine Erinnerung an Blum in Kassel gibt.


Naherholungsgebiet Tannenwäldchen

Im ursprünglichen Stadtwäldchen entstand, geplant von Johannes Wolff, Ende des 18. Jahrhunderts der erste öffentliche Park der Residenzstadt, in der die Parks der Landgrafen längst nicht für alle zugänglich waren. Ein Gedenkstein an der Lenoirstraße erinnert an den ersten Gestalter. Im 19. Jahrhundert gestaltete der Kunstgärtner Schelhase das Wäldchen im Sinne eines „Kunstgartens“, seine heutiges Aussehen geht wesentlich auf Pläne des Stadtgartendirektors von Eichel-Streiber am Beginn der 1960er Jahre zurück, die u.a. zur Einrichtung von Spielplätzen führten und eine Nutzung im Sinne eines „Volksparks“ zum Ziel hatten. Das Tannenwäldchen bietet vielfältige Erholungs- und Freizeitmöglichkeiten vom Jogging bis zum geruhsamen Ausführen von Hunden. Bei der Nutzung durch Hundebesitzer und ihre Lieblinge kam es mitunter zu Konflikten, ebenso wie bei den ursprünglichen Planungen der städtischen Werke, den für die gesamte Stadt sehr wichtigen Hochwasserbehälter auf dem Kratzenberg durch einen Neubau zu ersetzen. Inzwischen wird nicht nur neu gebaut, sondern saniert und ergänzt.

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Weblinks

Dateien

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Literatur

Astrid Heck / Sandra Schäfer: "Parks und Plätze in Kassel" - ein Führer zu öffentlichen Freiräumen, Kassel 1999

Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Kassel II, hrsg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, bearbeitet von Thomas Wiegand, Wiesbaden 2005

Wolfgang Matthäus (Hrsg.): Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen, Kassel 2005