Goethestraße / Murhardstraße / Nebelthaustraße: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Geo West
Wechseln zu: Navigation, Suche
(Bedeutung der Straßennamen)
Zeile 48: Zeile 48:
 
Die beiden Brüder gehören mit ihrer wissenschaftlich-publizistischen Arbeit zu den geistigen Wegbereitern des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus in Deutschland. Ihr Wirken in Kassel umspannte die Zeit von der Aufklärung bis zum Verfassungsstaat des 19. Jahrhunderts. Ihr materielles Vermächtnis an ihre Vaterstadt lebt in der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel fort, ihr geistiges Vermächtnis ist wahrscheinlich weniger bekannt.  
 
Die beiden Brüder gehören mit ihrer wissenschaftlich-publizistischen Arbeit zu den geistigen Wegbereitern des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus in Deutschland. Ihr Wirken in Kassel umspannte die Zeit von der Aufklärung bis zum Verfassungsstaat des 19. Jahrhunderts. Ihr materielles Vermächtnis an ihre Vaterstadt lebt in der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel fort, ihr geistiges Vermächtnis ist wahrscheinlich weniger bekannt.  
  
''Nebelthaustraße''
+
'''Nebelthaustraße'''
  
 
Nachdem am 1. März 1863 der Kasseler Oberbürgermeister Hartwig überraschend gestorben war, trat an dessen Stelle der damalige Vizebürgermeister Friedrich Nebelthau, der von 1845 bis 1852 und dann wieder ab 1856 als Beigeordneter der Stadtverwaltung gewirkt hatte. Fast anderthalb Jahre nach Hartwigs Tod wurde Nebelthau dann am 20. August 1864 einstimmig zum Oberbürgermeister gewählt und prägte die Ge­schichte Kassels.
 
Nachdem am 1. März 1863 der Kasseler Oberbürgermeister Hartwig überraschend gestorben war, trat an dessen Stelle der damalige Vizebürgermeister Friedrich Nebelthau, der von 1845 bis 1852 und dann wieder ab 1856 als Beigeordneter der Stadtverwaltung gewirkt hatte. Fast anderthalb Jahre nach Hartwigs Tod wurde Nebelthau dann am 20. August 1864 einstimmig zum Oberbürgermeister gewählt und prägte die Ge­schichte Kassels.
Zeile 56: Zeile 56:
 
Nebelthau starb am 31. Juli 1875 im Alter von 69 Jahren in Kassel und wurde auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Er war in seinen letzten Jahren noch Mitglied des preußischen Herrenhauses und des Reichtages (nationalliberale Fraktion) gewesen und mit dem Roten Adlerorden ausgezeichnet worden. Die Stadt Kassel pflegt heute noch Friedrich Nebelthaus Ehrengrab.
 
Nebelthau starb am 31. Juli 1875 im Alter von 69 Jahren in Kassel und wurde auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Er war in seinen letzten Jahren noch Mitglied des preußischen Herrenhauses und des Reichtages (nationalliberale Fraktion) gewesen und mit dem Roten Adlerorden ausgezeichnet worden. Die Stadt Kassel pflegt heute noch Friedrich Nebelthaus Ehrengrab.
 
Nach Wolfgang Hermsdorff, dem diese Informationen zu verdanken sind, wurde Nebelthau nicht in das mehrbändige Werk "Lebensbilder aus Kurhessen und Waldeck" aufgenommen. Er schreibt: "Wenigstens erinnert der Name einer kleinen Straße in Kassels vorderem Westen an den Oberbürgermeister und Abgeordneten Nebelthau." (Hersmsdorff, Ein Blick zurück, Nr. 1057).
 
Nach Wolfgang Hermsdorff, dem diese Informationen zu verdanken sind, wurde Nebelthau nicht in das mehrbändige Werk "Lebensbilder aus Kurhessen und Waldeck" aufgenommen. Er schreibt: "Wenigstens erinnert der Name einer kleinen Straße in Kassels vorderem Westen an den Oberbürgermeister und Abgeordneten Nebelthau." (Hersmsdorff, Ein Blick zurück, Nr. 1057).
 
 
 
  
 
== Weblinks ==
 
== Weblinks ==

Version vom 21. Februar 2013, 20:27 Uhr

Basisdaten
Adresse Hier steht die Adresse
Geo-Position Koordinaten

Kurzbeschreibung

Dieser Bereich markiert in etwa die westliche Grenze der flächendeckenden Zerstörungen im 2. Weltkrieg. Wo früher das Restaurant „Zum Elefanten“ das östliche Ende des bis zur Germaniastraße reichenden Kaiserplatzes dominierte, geben heute ein Hochhaus und die sie umgebende offene Bebauung einen Eindruck vom neuen Architektur- und Stadtplanungsverständnis der 1950er Jahre. Der ehemalige Kaiserplatz hätte das Zentrum des Vorderen Westens werden können, war er doch als repräsentatives Stadt(teil)zentrum mit Hotels, Theater und Konzertsaal geplant. Bis in die 30er Jahre bot er viel Grün und Platzkonzerte im Pavillon. Nach autogerechten Umbauten brachte Joseph Beuys' 7000-Eichen-Aktion 1984 eine Wiederannäherung an den Originalzustand. Derzeit läuft die Umgestaltung der Goethestraße zur verkehrsberuhigten Promenade, die sich der ursprünglichen Anlage verpflichtet fühlt. W.M.

Geschichte

Architektur

Sehenswürdigkeiten / Besonderheiten

Bedeutung der Straßennamen

Goethestraße

Johann Wolfgang von Goethe wird bis zum heutigen Tage als einer der größten deutschen Dichter und eine der herausragenden Persönlichkeiten der Weltliteratur gehandelt. Er war vielseitig begabt und wird aus diesem Grund nicht nur als bekanntester Vertreter der Weimarer Klassik, sondern auch als Politiker, Kunsttheoretiker und Naturwissenschaftler gepriesen. Während seiner Lebzeiten reiste er viel herum, besuchte viele Städte in Deutschland sowie auch in ganz Europa. Zu den mehrfach besuchten Städten gehörte auch die damalige Residenzstadt Kassel. Allerdings wird seine Vorliebe für die "mannigfachen Sehenswürdigkeiten" Kassels nur selten erwähnt. In dem Buch "Hier war Goethe nicht" konnte Kassel allerdings keine Erwähnung finden. Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter, Catharina Elisabeth von Goethe war die Tochter des Bürgermeisters von Frankfurt und sein Vater, Johann Caspar von Goethe, war anerkannter Staatsmann und im kaiserlichen Rat vertreten. Goethes Vater war von Anfang an sehr daran interessiert seinen einzigen Sohn zum Schultheißen in Frankfurt zu machen. Aus diesem Grund hat er ihn schon früh die Rechtsbücher studieren lassen. Deswegen verließ Goethe nach seiner unbeschwerten Kindheit Frankfurt und fuhr 1765 nach Leipzig, um dort Rechtswissenschaften zu studieren. Auf Grund von schwerer Krankheit konnte er sein Studium erst 1772 in Straßburg beenden. Noch im selben Jahr ging Goethe nach Wetzlar, um dort als Rechtspraktikant am Reichkammergericht zu arbeiten. Die Arbeit dort gefiel dem jungen Goethe allerdings nicht; zuwider war ihm die unaufhaltsame Korruption. Sein Interesse für Rechtswissenschaften, welches von Anfang an eher dem Interesse seines Vaters entsprach, verschwand immer mehr. Goethe entdeckte zunehmend seine Reiselust und widmete sich vollends der Poesie. 1774 hatte er mit "Die Leiden des Jungen Werther" seinen ersten großen Erfolg. Daraufhin ging der junge Dichter nach Weimar, wo er als Geheimer Legationsrat in die Dienste des Herzogs trat. 1779 wurde er schließlich zum Geheimrat befördert. Im selben Jahr besuchte Goethe zum ersten Mal Kassel. Er befand sich mit Herzog Karl August von Weimar auf der Reise in die Schweiz, als er am 14. September 1779 zum ersten Mal im "Posthaus" der Madame Goullon am Königsplatz abstieg. Auf dieser Durchreise machte Goethe Bekanntschaft mit dem jungen Forscher Georg Forster, mit dem er später im regen Briefkontakt stand. Während dieses Aufenthaltes schrieb Goethe in einem Brief an seine Freundin Charlotte von Stein folgendes: "Wir gehen unter den Cassler Herrlichkeiten herum und sehen eine Menge in uns hinein. Die Gemählde-Galerie hat mich sehr gelabt, wir sind wohl und lustig. Es war zeit, daß wir ins Wasser kamen. Schön Wetter haben wir bisher und klare Augen." Allmählich veränderte sich Goethes Weltanschauung. Die Zeit der Stürmer und Dränger war für ihn vorbei. Er wendete sich den ruhigen Formenschönheiten der Antike und der harmonischen Entfaltung der Persönlichkeiten nach dem Gesetz der Schönheit und Humanität zu. In dieser Phase des dichterischen Reifens fing Goethe außerdem an, sich mit den Naturwissenschaften auseinander zu setzen. 1780 wurd Goethe als Lehrling in die Weimarer Loge Amalia aufgenommen und 1781 bereits zum Ge­sellen befördert. Nach seiner Er­nennung zum Meister im Jahre 1782 machte er eine Reise in den Harz. Auf dieser Reise besuchte er erneut Kassel. Dieses Mal zeigte er dem Sohn seiner Freundin Charlotte von Stein, dem jungen Fritz von Stein, die Sehenswürdigkeiten Kassels. Erneut stieg er dabei in dem Posthaus am Königsplatz ab und be­suchte mit Fritz von Stein wiederholt die Gemäldegalerie. Goethe be­fand sich zu dieser Zeit tief in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten. Deswegen untersuchte er an dem Schädel eines jungen Elefanten aus dem Kasseler Museum seine Theorien und machte bald darauf eine seiner wichtigsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Rückbildung des menschlichen Zwischenkieferknochens. Diesen so genannten "Goethe-Elefanten" kann man heute noch im Naturkundemuseum bewundern. 1786 machte Goethe erneut eine Reise. Er verließ Deutschland fluchtartig und reiste unter dem Namen "Filippo Miller" nach Italien. In Rom lernte er den Kasseler Maler Wilhelm Tischbein kennen, der dort einer seiner engsten Freunde wurde. In diesem Jahr entstand das berühmte Gemälde Tischbeins, welches Goethe als Reisenden in der römischen Campagna zeigt - allerdings mit zwei gleichen Füßen. Im Dezember 1792 - nachdem Goethe im "Koalitionskrieg" die "Kampagne in Frankreich" unterstützt hatte - war er erneut zu Gast im Kasseler "Posthaus". Goethe selbst schreibt: "Wie düster aber auch in der letzten und schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aber hundert Lampen erleuchtete Cassel hineinfuhr. Bei diesem Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines bürgerlich-städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die behaglichen Anstalten zur Aufnahme der Fremden." Dieser Aufenthalt Goethes war nur sehr kurz, dennoch hat der Poet Zeit gefunden, erneut die Kasseler Gemäldegalerie aufzusuchen. Vom Herkules war er weniger begeistert. Im August 1801 besucht Goethe das letzte Mal Kassel. Dieses Mal in Begleitung von Christiane Vulpius, seines elfjährigen Sohnes August und von Professor Meyer. Zuvor schrieb Goethe seiner Lebensgefährtin in einem Brief: "Ich freue mich herzlich, Dich wiederzusehen und mit Dir in Cassel unter so viel neuen und schönen Sachen einige Tage zuzubringen. (…) In Cassel kannst du dir ein Hütchen kaufen und ein Kleid, sie haben die neusten Waren dort so gut als irgendwo." 1808 wurde Goethe von Napoléon I. das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. Im selben Jahr erschien neben der Gesamtausgabe seiner Werke Faust I. Die letzten Jahre Goethes waren sehr leidvoll. Der Verlust seines Freundes Schiller (1805), seiner Frau (1816) und seines einzigen Sohnes (1830) machten ihn zu einem sehr einsamen Menschen. Ein erneuter Blutsturz 1830 fesselte ihn an sein Bett, das er in den letzten Jahren seines Lebens kaum mehr verließ. Bis zu seinem Tod am 22. März 1832 arbeitete Johann Wolfgang von Goethe aktiv an Faust II, der sein großes Lebenswerk endgültig vollendete. Obwohl Goethe Kassel nur wenige Male besucht hat, hat er dennoch viele Spuren hinterlassen. So geht aus den zahlreichen Tagebucheinträgen und Briefen deutlich hervor, wie sehr Goethe die Bildergalerie, das Theater, die Museen, die Schlösser, den Bergpark und nicht zuletzt die hervorragenden Einkaufsmöglichkeiten in Kassel begeisterten. Besucher des Landesmuseums in Kassel können dort heute noch Goethes Eintragungen in die Besucherverzeichnisse vorfinden. Außerdem glauben viele Philologen, dass Goethe selbst bei der Niederschrift des 4. Aufzugs des Faust II an Kassel gedacht haben muss. Die Beschreibung des "Ortes der Sinnenlust" und die Erwähnung der "Teufelsbrücke" deuten daraufhin, dass Goethe sich vom Bergpark Wilhelmshöhe hat inspirieren lassen. Die Bezeichnung Goethestraße ist ein Ergebnis der Umbenennungen in der Nachkriegszeit. Ursprünglich war eine der wesentlichen Achse im Vorderen Westen nach dem Kaiser benannt, der später auf einigen Abschnitten der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg weichen musste (Admiral Scheer Straße, Skagerrakplatz). Die Abbildung zeigt die Goethe-Büste im Stadthallengarten, die von der Kasseler Goethe-Gesellschaft gestiftet wurde.

Murhardstraße

Die Brüder Murhard stammten aus einer vermögenden hessischen Beamtenfamilie, ihre Vorfahren waren schon seit dem 15. Jahrhundert im Dienst der hessischen Landgrafen. Friedrich Murhard war der ältere Bruder. Er wurde am 7. Dezember 1778 in Kassel geboren, Karl am 23. Februar 1781 gleichfalls in Kassel. Beide Brüder besuchten zunächst das Lyceum Fridericianum in Kassel und studierten später in Göttingen, das damals als Ort der fortschrittlichen und freiheitlichen Geister galt. Friedrich studierte Mathematik, Philologie und Geschichte, während sich sein Bruder den Rechts- und Staatswissenschaften widmete. 1795 immatrikulierte sich Friedrich, promovierte be­reits ein Jahr später und arbeitete im Anschluss daran als Privatdozent an der Universität Göttingen. Im Rahmen dieser Tätigkeit veröffentlichte er 1796-98 zahlreiche mathe­matische und naturwissenschaftliche Abhandlungen. Karl immatrikulierte sich 1797 und freundete sich im Studium mit den Lehrern des liberalen Adam Smith an. Er wechselte 1800 zum Zwecke der Promotion und Anwaltsprüfung nach Marburg. Anschließend arbeitete er bis 1806 als Archivar der Oberrentkammer in Kassel. Beide Brüder standen in Opposition zu den Verhältnissen in Kurhessen und hegten Sympathien für Napoleon und für Grundsätze der Französischen Revolution. Friedrichs oppositionelle Haltung gegenüber der kurhessischen Regierung wuchs nach einer Frankreichreise, nach der er im "Reichsanzeiger" die ve­r­altete kurhessische Gerichtsverfassung kritisierte, wofür man ihn kurzzeitig verhaftete. Als das Kurfürstentum 1806 durch Na­poleon aufgelöst und mit anderen Territorien zum Königreich Westphalen zusam­mengelegt wur­de, Kurhessen Teil des ersten deutschen Ver­fassungsstaates war, engagiert er sich ganz stark und konnte als Bibliothekar der Landesbibliothek, Präfekt des Fulda-Departements und Redakteur des "Moniteur Westphalen" für das arbeiten, was er begeistert begrüßte. Auch Karl trat für die Überwindung des Absolutismus in Kur­hessen aktiv ein, wurde 1808 Leiter einer Abteilung im Finanzministerium und als Jurist und Finanzexperte dort zu einem der wichtigsten Beamten. Nach dem Zusammenbruch des Königreiches Westphalen und der Rückkehr des Kurfürsten wurde Friedrich aller Ämter enthoben und unter polizeiliche Aufsicht gestellt, was ihn zur Übersiedlung nach Frankfurt bewegte. Sein Bruder Karl arbeitete noch bis 1816 wieder als Archivar in der Oberrentkammer. Nach der Verhaftung und dem für ihn rufschädigenden Verhalten seines Bruders in Frankfurt schied er 1816 resigniert aus dem kurhessischem Staatsdienst aus, lebte einige Jahre wie der Bruder in Frankfurt, wurde aber nach dessen Verhaftung abgeschoben und verbrachte die weiteren Lebensjahre seit 1824 in Kassel. Friedrich war in Frankfurt Herausgeber der "Europäischen Zeitung" und arbeitete als Redakteur und Korrespondent für weitere Zeitungen, beleuchtete das Zeitgeschehen sehr kritisch. Diese Tätigkeit und auch seine Verbindung zu einem polizeilich gesuchten Burschenschaftler brachten ihm über viele Jahre hinweg Verhaftungen, zeitweise Haft und ein Publikationsverbot ein, wovon ihn erst die Julirevolution 1830 befreite. In der Zeit danach verfasste er seine Hauptwerke über den Rechts- und Verfassungsstaat, in denen er sich staatstheoretisch mit Fragen der Volkssouveränität, des Widerstandsrechtes, der Gesetzesinitiative oder der Auslegung der Hessischen Verfassung befasste. Aufgrund dieser Werke wurde Friedrich 1844 im Alter von 65 Jahren nochmals verhaftet. Das Verfahren, in dem er ursprünglich zu einer mehrmonatigen Haft verurteilt wurde, beendete erst eine Amnestie im Gefolge der Revolution von 1848. Der künstlerisch interessierte und sprachenkundige Karl Murhard entfaltete in diesen Jahrzehnten eine breite Tätigkeit als Übersetzer und Rezensent sowie als Autor nationalökonomischer, finanz- und steuertheoretischer Schriften, in denen er dem Liberalismus verpflichtet blieb, insbesondere den Lehren von Adam Smith, die er aber auch ansatzweise überwand. Die Murhards blieben Junggesellen. Sie konnten sich aufgrund ihres Vermögens ein komfortables Leben leisten und reisten viel. In ihrer Geburtsstadt Kassel hatten sie zwei Wohnungen, eine Stadtwohnung am Königsplatz und ein Gartenhaus in der Wilhelmshöher Allee. Friedrich starb dort am 29. November 1853 und sein Bruder Karl am 8. Februar 1863. Schon 1845 hatten die Brüder ihren gesamten Nachlass für die Stadt Kassel bestimmt. Das Erbe ging als Stiftung in das Eigentum der Stadt Kassel über. Der Hauptgegenstand des Testaments war die Gründung einer wissenschaftlichen Stadtbibliothek, in die das Vermögen der Brüder und ihre eigene, umfangreiche Bibliothek eingingen. Die Brüder verfügten, dass die Bibliothek ihren Namen zu führen habe, was noch heute der Fall ist mit der Murhardschen Bibliothek, die inzwischen mit der Bibliothek der Gesamthochschule-Universität Kassel verbunden ist. Die beiden Brüder gehören mit ihrer wissenschaftlich-publizistischen Arbeit zu den geistigen Wegbereitern des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus in Deutschland. Ihr Wirken in Kassel umspannte die Zeit von der Aufklärung bis zum Verfassungsstaat des 19. Jahrhunderts. Ihr materielles Vermächtnis an ihre Vaterstadt lebt in der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel fort, ihr geistiges Vermächtnis ist wahrscheinlich weniger bekannt.

Nebelthaustraße

Nachdem am 1. März 1863 der Kasseler Oberbürgermeister Hartwig überraschend gestorben war, trat an dessen Stelle der damalige Vizebürgermeister Friedrich Nebelthau, der von 1845 bis 1852 und dann wieder ab 1856 als Beigeordneter der Stadtverwaltung gewirkt hatte. Fast anderthalb Jahre nach Hartwigs Tod wurde Nebelthau dann am 20. August 1864 einstimmig zum Oberbürgermeister gewählt und prägte die Ge­schichte Kassels. Friedrich August Wilhelm Nebelthau wurde am 22. Januar 1806 in Kassel als Sohn des Oberpostmeisters Jacob Nebelthau geboren. Nach seinem Jurastudium ließ er sich in Kassel als Rechtsanwalt (Obergerichtsanwalt) nieder und übernahm 1841 dazu noch die Posthalterei seines Vaters. Nun, als neuer Postmeister, gehörte es auch zu seinen Pflich­ten, der Equipe des Kur­fürsten voranzureiten, was für ihn allerdings keine angenehme Aufgabe war, denn in der kurhessischen Innenpolitik ge­hörte Nebelthau zu den Geg­nern des Fürsten. Trotz dieser verhassten Pflicht fühlte sich Friedrich Nebelthau im Sattel seines Pferdes wohl und muss ein ausgezeichneter Reiter ge­wesen sein, was in ganz Kassel bekannt war. Gern ritt er als junger Mann in der Karlsaue spazieren und die Kasselaner schmiedeten darauf ihre Verse über ihn. Neben dem Reiten pflegte Friedrich Nebelthau aber noch andere Hobbys. Er war musikalisch, spielte Violine und war unter anderem ein gern gesehener Gast auf den häuslichen Abendunterhaltungen seines Geigenlehrers, des damals und noch heute berühmten Louis Spohr. Einem weiteren Hobby, der Heimatgeschichte, war er besonders zugetan. Er hielt geschichtliche Vorträge und schrieb Aufsätze. Der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde gab daher am 16. August 1884, fast neun Jahre nach Nebelthaus Tod, seine Schrift "Die ältesten und älteren Gebäude Kassels" anlässlich des 50jährigen Vereinsbestehens gedruckt heraus. Seine größte Wirksamkeit entfaltete Nebelthau aber zweifelsohne als kurhessischer Innenpolitiker. Wie der bekanntere Friedrich Oetker gehörte er zum liberalen Lager, was bedeutete, dass er zur damaligen Opposition zu zählen war, welche einst die Verfassung durchgesetzt hatte und danach in ständiger Auseinandersetzungen mit Kurfürst und Regierung um deren Erfüllung rang. 1836 wurde er erstmals als Abgeordneter für Hersfeld in die Städteversammlung (das "Landesparlament") gewählt, 1850 für Eschwege; er blieb Abgeordneter bis 1866 und übernahm ab 1860 das Amt des Vorsitzenden. Nebelthau galt dabei als ein Mann von kluger Beredsamkeit und taktischem Geschick. Obwohl Nebelthau als Abgeordneter die kurhessische Verfassung und damit den Bestand Kurhessens zu verteidigen hatte, gehörte er zu den Befürwortern eines Anschlusses des Landes an Preußen. Eingefleischte Kurhessen konnten daher mit ihm nicht zufrieden sein und zählten ihn deshalb zu den "Totengräbern" Kurhessens. Als im Juni 1866 die Preußen Kurhessen besetzt hatten, reichte er als erster dem preußischen General von Beyer die Hand, dabei hatte er am Abend zuvor noch dem Kurfürsten seine Treue versichert. Schon am 22. August 1866 reiste Nebelthau an der Spitze einer städtischen Kommission nach Berlin, um König Willhelm das Schicksal Kassels ans Herz zu legen. Der versprach auch Kassel seinen Status als Residenzstadt zu bewahren und zeigte sich äußerst überrascht, schon so früh Spitzen der Stadtverwaltung bei sich zu sehen. Viele Menschen in Kassel und Hessen missbilligten dieses Vorpreschen. Nebelthau starb am 31. Juli 1875 im Alter von 69 Jahren in Kassel und wurde auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Er war in seinen letzten Jahren noch Mitglied des preußischen Herrenhauses und des Reichtages (nationalliberale Fraktion) gewesen und mit dem Roten Adlerorden ausgezeichnet worden. Die Stadt Kassel pflegt heute noch Friedrich Nebelthaus Ehrengrab. Nach Wolfgang Hermsdorff, dem diese Informationen zu verdanken sind, wurde Nebelthau nicht in das mehrbändige Werk "Lebensbilder aus Kurhessen und Waldeck" aufgenommen. Er schreibt: "Wenigstens erinnert der Name einer kleinen Straße in Kassels vorderem Westen an den Oberbürgermeister und Abgeordneten Nebelthau." (Hersmsdorff, Ein Blick zurück, Nr. 1057).

Weblinks

  • Link 1
  • Link 2

Dateien

Datei:FOTO
Datei:FOTO2

Literatur

Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Vorderen Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010 (Schriften der WERKSTATT GESCHICHTE an der Albert-Schweitzer-Schule, Heft 8)