Goethestraße / Murhardstraße / Nebelthaustraße: Unterschied zwischen den Versionen

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Dieser Bereich markiert in etwa die westliche Grenze der flächendeckenden Zerstörungen im 2. Weltkrieg. Wo früher das Restaurant „Zum Elefanten“ das östliche Ende des bis zur Germaniastraße reichenden Kaiserplatzes dominierte, geben heute ein Hochhaus und die sie umgebende offene Bebauung einen Eindruck vom neuen Architektur- und Stadtplanungsverständnis der 1950er Jahre. Der ehemalige Kaiserplatz hätte das Zentrum des Vorderen Westens werden können, war er doch als repräsentatives Stadt(teil)zentrum mit Hotels, Theater und Konzertsaal geplant. Bis in die 30er Jahre bot er viel Grün und Platzkonzerte im Pavillon. Nach autogerechten Umbauten brachte Joseph Beuys' 7000-Eichen-Aktion 1984 eine Wiederannäherung an den Originalzustand. Derzeit läuft die Umgestaltung der Goethestraße zur verkehrsberuhigten Promenade, die sich der ursprünglichen Anlage verpflichtet fühlt.
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Dieser Bereich markiert in etwa die westliche Grenze der flächendeckenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Wo früher das Restaurant „Zum Elefanten“ das östliche Ende des bis zur Germaniastraße reichenden Kaiserplatzes dominierte, geben heute ein Hochhaus und die sie umgebende offene Bebauung einen Eindruck vom neuen Architektur- und Stadtplanungsverständnis der 1950er Jahre. Der ehemalige Kaiserplatz hätte das Zentrum des Vorderen Westens werden können, war er doch als repräsentatives Stadt(teil)zentrum mit Hotels, Theater und Konzertsaal geplant. Bis in die 30er Jahre bot er viel Grün und Platzkonzerte im Pavillon. Nach autogerechten Umbauten brachte Joseph Beuys' 7000-Eichen-Aktion 1984 eine Wiederannäherung an den Originalzustand. Derzeit läuft die Umgestaltung der Goethestraße zur verkehrsberuhigten Promenade, die sich der ursprünglichen Anlage verpflichtet fühlt.
  
 
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Die gärtnerischen Anlagen wurden in den 20er Jahren neu gestaltet, die Nationalsozialisten opferten einer Tribüne für den Reichskriegertag 1934 den Musikpavillon und eine Reihe von Bäumen, aber wesentliche Eingriffe waren auch hier Verkehrsplanungen zugunsten des motorisierten Verkehrs in den 50er Jahren geschuldet. Joseph Beuys mit seiner Arbeit „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ , dem Kunstwerk „7000 Eichen“, war es zu verdanken, dass 1984 mit der Pflanzung von 80 Linden eine Annäherung an die ursprüngliche Bepflanung erreicht werden konnte.
 
Die gärtnerischen Anlagen wurden in den 20er Jahren neu gestaltet, die Nationalsozialisten opferten einer Tribüne für den Reichskriegertag 1934 den Musikpavillon und eine Reihe von Bäumen, aber wesentliche Eingriffe waren auch hier Verkehrsplanungen zugunsten des motorisierten Verkehrs in den 50er Jahren geschuldet. Joseph Beuys mit seiner Arbeit „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ , dem Kunstwerk „7000 Eichen“, war es zu verdanken, dass 1984 mit der Pflanzung von 80 Linden eine Annäherung an die ursprüngliche Bepflanung erreicht werden konnte.
  
Seit 2012 erfolgt ein Umbau der Goethestraße zwischen Westerburgstraße und Germaniastraße, der mit einer Gestaltung als Boulevard von der Erinnerung an historische Planungen und frühere Nutzungskonzepte mitgeprägt sein dürfte.
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Seit 2012 erfolgt ein Umbau der Goethestraße zwischen Westerburgstraße und Germaniastraße, der mit einer Gestaltung als Boulevard von der Erinnerung an historische Planungen und frühere Nutzungskonzepte mitgeprägt sein dürfte.Dabei wird auch die Kreuzung Goethestraße/Germaniastraße/Olgastraße grundlegend zu einem kleinen Platz umgestaltet, ebenso wie andere Kreuzungsbereiche "entschärft" werden.
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Bis Anfang der 30er Jahre gab es auf dem Kaiserplatz die besondere At­t­raktion der Platzkonzerte. Spätesten nachdem für die Tribüne des Reichskriegertages der entsprechende Pavillon abgerissen worden war, der nahe zur Kreuzung Queralle stand, konnten diese nicht mehr stattfinden.  
 
Bis Anfang der 30er Jahre gab es auf dem Kaiserplatz die besondere At­t­raktion der Platzkonzerte. Spätesten nachdem für die Tribüne des Reichskriegertages der entsprechende Pavillon abgerissen worden war, der nahe zur Kreuzung Queralle stand, konnten diese nicht mehr stattfinden.  
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Aktuelle Version vom 9. Oktober 2019, 18:20 Uhr

Kurzbeschreibung

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Dieser Bereich markiert in etwa die westliche Grenze der flächendeckenden Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg. Wo früher das Restaurant „Zum Elefanten“ das östliche Ende des bis zur Germaniastraße reichenden Kaiserplatzes dominierte, geben heute ein Hochhaus und die sie umgebende offene Bebauung einen Eindruck vom neuen Architektur- und Stadtplanungsverständnis der 1950er Jahre. Der ehemalige Kaiserplatz hätte das Zentrum des Vorderen Westens werden können, war er doch als repräsentatives Stadt(teil)zentrum mit Hotels, Theater und Konzertsaal geplant. Bis in die 30er Jahre bot er viel Grün und Platzkonzerte im Pavillon. Nach autogerechten Umbauten brachte Joseph Beuys' 7000-Eichen-Aktion 1984 eine Wiederannäherung an den Originalzustand. Derzeit läuft die Umgestaltung der Goethestraße zur verkehrsberuhigten Promenade, die sich der ursprünglichen Anlage verpflichtet fühlt.

Geschichte

Der ehemalige Kaiserplatz

Kaiserplatz

Kneipen und Restaurants mit Biergärten, ein Varieté und als unverzichtbares Programmkino der Filmladen, Geschäfte, das Frauen- und Lesbenzentrum und das Offene Wohnzimmer, Arztpraxen, ein Behördengebäude, das hoffentlich bald wieder belegt werden soll, und manches mehr: An der Goethestraße zwischen Murhard- und Olgastraße pulsiert sicherlich ein wesentlicher Teil des Lebens im Vorderen Westen. Damit wird der Platz, dessen Randbebauung nie wirklich vollendet wurde und vielen gar nicht als Platz gilt, zu einem großen Teil dem gerecht, was an seinen Ursprüngen gedacht und geplant wurde - auch wenn dies noch weit über das hinaus ging, was heute ist. Auch hier war Aschrott spätestens seit 1873 die treibende Kraft, der zwischen Wilhelmshöher Allee und Hohenzollernstraße (Friedrich-Ebert-Straße) eine weitere Ost-West-Verbindung schaffen wollte, die die beiden anderen Straßenzüge offenbar „noch an Eleganz, großstädtischem Flair und Weitläufigkeitkeit übertreffen“ sollte, eine Idee, die „erst mit der von Aschrott betriebenen Neukonzeption des Kaiserplatzes um 1900 Gestalt“ annahm. (Wiegand, S. 245). Für diese Neukonzeption war es wichtig, in langwierigen Verhandlungen mit der Stadt zu erreichen, dass die Straßenbreite auf etwa 40m erweitertet werden konnte, aber auch, die Genehmigung für eine platzartige Erweiterung, den Kaiserplatz, zu erlangen. Ein von Aschrotts Grundstücksverwaltung 1898 ausgeschriebener Wettbewerb förderte zahlreiche Ideen und Planungen zu Tage, die nahe legen, dass es um das Zentrum des Vorderen Westens, wenn nicht sogar um Konkurrenz zur Innenstadt ging. Der preisgekrönte Entwurf sah neben zwei Hotels, Restaurants und Cafés sowie Geschäften und einem Kaufhaus ein Theater, eine Badeanstalt und einen Konzertsaal vor - Vorstellungen die nie erreicht wurden. Demgegenüber wurde offenbar ein großer Teil der Planungen für die Platzgestaltung umgesetzt. Der Kaiserplatz, den erst die Pferdebahn und seit 1899/1900 die Straßenbahn durchquerte, bot darüber hinaus dem Verkehr auf der gepflasterten Straße, auf Reit- und Gehwegen viel Raum und war reich an gärtnerischen Anlagen. Ein Musikpavillon, diente der Unterhaltung, eine Seltersbude der Erfrischung. Beim 1000jährigen Jubiläum der Stadt 1913 führte der Festumzug nicht umsonst auch an diesen repäsentativen Ort, auch wenn hier immer noch große Baulücken und Gärten existierten. Die gärtnerischen Anlagen wurden in den 20er Jahren neu gestaltet, die Nationalsozialisten opferten einer Tribüne für den Reichskriegertag 1934 den Musikpavillon und eine Reihe von Bäumen, aber wesentliche Eingriffe waren auch hier Verkehrsplanungen zugunsten des motorisierten Verkehrs in den 50er Jahren geschuldet. Joseph Beuys mit seiner Arbeit „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“ , dem Kunstwerk „7000 Eichen“, war es zu verdanken, dass 1984 mit der Pflanzung von 80 Linden eine Annäherung an die ursprüngliche Bepflanung erreicht werden konnte.

Seit 2012 erfolgt ein Umbau der Goethestraße zwischen Westerburgstraße und Germaniastraße, der mit einer Gestaltung als Boulevard von der Erinnerung an historische Planungen und frühere Nutzungskonzepte mitgeprägt sein dürfte.Dabei wird auch die Kreuzung Goethestraße/Germaniastraße/Olgastraße grundlegend zu einem kleinen Platz umgestaltet, ebenso wie andere Kreuzungsbereiche "entschärft" werden.

Dennoch bleiben im Bereich des ehemaligen Kaiserplatzes derzeit noch Problemzonen für zukünftige stadtplanerische Überlegungen.

B11 Parkplatz Finanzt Img 9269.jpg
B11 Ecke Queralle Img 9268.jpg




Platzkonzerte

B11 Pavillion klein.jpg
B11 Finanzamt klein.jpg

Bis Anfang der 30er Jahre gab es auf dem Kaiserplatz die besondere At­t­raktion der Platzkonzerte. Spätesten nachdem für die Tribüne des Reichskriegertages der entsprechende Pavillon abgerissen worden war, der nahe zur Kreuzung Queralle stand, konnten diese nicht mehr stattfinden. Besuchern Kassels wurden vor dem Ersten Weltkrieg die Konzerte auf dem Kaiserplatz als ein besonderes Ereignis vorgestellt:

„Promenadenkonzerte sind seit jeher beliebt gewesen und bilden ein angenehmes Mittel zum Zwecke des Verkehrs. Auch in Cassel fanden die Militärkonzerte auf dem Friedrichsplatz immer ein zahlreiches und dankbares Publikum. Seit eingen Jahren nun haben diese im weitesten Sinne öff­entlichen Veranstaltungen noch eine Ergänzung im westlichen Stadtteile der schönen Residenz gefunden: Dreimal in der Woche spielt nachmittaqs auf dem Kaiserplatz die Henkelsche Kapelle, und da die Konzertprogramme regelmäßig in den Zeitunqen veröffentlicht werden, so nimmt alt und jung gern die Gelegenheit wahr, diesen ‘Freikonzerten’ zu lauschen. (…) Es bietet sich auf dem mit gärtnerischen Anlagen geschmückten Platze ein interessantes Bild aus dem modernen Cassel; auf den Bänken unter schattigen Bäumen sitzend oder in dichten Reihen prominierend, erfreut man sich der Melodienklänge, die weithin in die Sommerluft erschallen und das anregende Bild der Menschenmenge beleben, in der die buntbemützte und hellgekleidete Juqend beiderlei Geschlechts besonders hervortritt. Die heiteren und leichten Tonschöpfungen nehmen bei den Kaiserplatz-Konzerten berechtigter Weise den breiteren Raum im Programm ein, und mit den beliebten Operettenweisen älterer und neuerer Art, mit volkstümiichen und heimatlichen Klärtgen führt Meister Henkel schöne Vortragsfolgen aus.“ (Cassel-Wilhelmshöher Fremdenblatt vor dem ersten Weltkrieg - zit. nach Hermsdorff, Blick zurück 314)

Das Finanzgebäude

Das repräsentative, neobarocke Verwaltungsgebäude in der Goethestraße 43 beherbergte vor 1919 die Oberzolldirektion, danach das Landesfinanzamt und das Oberfinanzpräsidium. Seit 1945 war bis vor kurzem eins der beiden Finanzämter in ihm untergebracht. Seine Errichtung im Vorderen Westen entsprach der Absicht Aschrotts in dem neuen Stadtviertel auch bedeutende Behörden anzusiedeln (wie die Reichsbahndirektion an der Kölnischen Straße oder das Polizeipräsidium am Königstor), damit auch für Arbeitsplätze und die Erhöhung der Attraktivität des Hohenzollernviertels zu sorgen. Was in Gebäuden geschieht, verrät ihr Aussehen allein nicht. Heute mögen manche Bürger Kassels unangenehme Gedanken mit dem „Finanzamt Goethestraße“ verbinden. In der Zeit des Nationalsozialismus war das Oberfinanzpräsidium die Schaltstelle, die im Rahmen der Judenverfolgung für die finanzielle Ausplünderung der Juden sorgte: für den „legalisierten Raub“. Es stellte akribisch sicher, dass auf der Grundlage pseudolegaler Maßnahmen Menschen jüdischen Glaubens vor der Auswanderung oder auch vor ihrer Deportation zur Vernichtung im Osten fast ihres gesamten Vermögens verlustig gingen. Daran arbeitete auch eine „Devisenstelle“, die in das heutige Haus Goethestr. 31 (Ecke Querallee) ausgelagert war. Voraussetzung für die finanzielle Ausplünderung der Juden und die dadurch mögliche Bereicherung des Staates war zunächst die lückenlose Offenlegung der Vermögensverhältnisse. Im gleichen Haus, in dem diese Devisenstelle untergebracht war, wohnte zu Beginn der 30er Jahre auch der bekannte Kasseler Rechtsanwalt Dr. Theodor Dellevie. Als Mitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens unterhielt er in seinem Büro in der Kölnischen Straße seit der Mitte der 20er Jahre eine Abwehrstelle, die antisemitische Vorfälle in Kassel und nordhessischen Gemeinden zur Anzeige brachte. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zeigte er unerschrocken Angriffe auf die jüdische Bevölkerung auch weiterhin an, obwohl es jüdischen Anwälten schon kurz nach der „Machtergreifung“ kaum mehr möglich war, ihren „Berufsgeschäften nachzugehen“, wie Dellevie selbst bemerkte. Dellevie gehörten zu denen, die Gegenwehr leisteten, bis mindestens 1937 die Unrechtstaten dokumentierte und anprangerte. Er war einer der letzten jüdischen Bürger Kassels, die noch vor den Massendeportationen und -morden aus Deutschland herauskamen. Im Oktober 1941 gelangte er nach Kolumbien - kurz vor der ersten großen Deportation aus Kassel nach Riga im November 1941.

aus: Matthäus, Plätze

Architektur

In dem platzartigen Bereich der Goethestraße zeugen eine Reihe von Gebäuden von der historisierenden Architektur der Gründungszeit des Vorderen Westen, an manchen Stellen machen Bauten aus den 1930er Jahren deutlich, dass noch Jahrzehnte nach den Ausgangsplanungen erhebliche Lücken in der vorgesehen Blockrandbebauung bestanden, die erst dann geschlossen wurden, zum Teil bis heute nicht geschlossen sind. Nach Kriegszerstörungen wandte sich die Gestaltung vom Bisherigen ab.

Neues Bauen

Wie bis zur Zerstörung das Gebäude mit dem Restaurant zum Elefant bestimmt heute das Hochhaus aus den 50er Jahren die Blickachse Richtung Innenstadt. Im Bereich zwischen Westendstraße, Königstor und Goethestraße entstanden in der Nachkriegszeit zahlreiche Neubauten, die dem Stil der Zeit verpflichtet waren. Einer weitgehend offenen Bebauung gab man dabei gegenüber der üblichen Blockrandbebauung der Vorkriegszeit meist den Vorzug. Neben dem Hochhaus Goethestraße 15 erregte der Anbau des Kassenbereichs an das wiederhergestellte Finanzgebäude die Aufmerksamkeit von Zeitgenosssen. Das Trafohaus am westlichen Ende des Platzes galt beim Umbau der Straße in den 50er Jahren als Sichtbehinderung in dem unübersichtlichen Kreuzungsbereich mit Germania- und Olgastraße, wurde abegrissen und - um einige Meter nach Osten versetzt - durch eine neues im Stil der Zeit ersetzt.

Goethestraße 15

Das Hochhaus Goethestraße 15 wurde 1955 von Paul Bode (* 5. April 1903 in Kassel; † 16. Januar 1978 in Kassel), dem Bruder des documenta-Gründers Arnold Bode, gebaut und verfügt über 11 Stockwerke mit ursprünglich insgesamt 77 Wohnungen.

Mit seinen Bauten hat Paul Bode seine Heimatstadt in der Nachkriegszeit geprägt. Unter anderem baute er die Belgier-Siedlung in der Kasseler Südstadt, das erste Hochhaus Kassels in der Sophienstraße, die Hotels Reiss und Hessenland sowie das Schlosshotel und das Kasseler Staatstheater. Seine Filmpaläste – in Kassel baute er das Capitol, Kaskade, Bambi und Cinema, weitere Kinos in Mannheim, Nürnberg, Hannover und anderen Städten – dienten als Vorbilder für Kinos seiner Zeit, 1957 verfasste Bode ein Standardwerk zum Bau von Kinos und Filmtheatern. Gemeinsam mit seinem Bruder Arnold entwarf und baute Paul Bode auch Möbel, die mit internationalen Gestaltungspreisen ausgezeichnet wurden.

Heute ist die GWH Wohnungsgesellschaft mbH Hessen Vermieterin des Hochhauses Goethestraße 15. Im Jahr 2011 wurde das Gebäude zu einem Wohnprojekt für Senioren: Stück für Stück wurde das Haus an die Bedürfnisse älterer Menschen angepasst. Die Eingangsbereiche wurden barrierearm umgestaltet und sukzessive werden die Badezimmer der Wohnungen mit bodengleichen Duschen und unterfahrbaren Waschbecken ausgestattet. (Text: GWH)

Goethestraße 29 und der Geschmack der Zeit

Das im Weltkrieg weitgehend unzerstörte Haus, in dem sich heute u. a. der Starclub befindet, ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Vorstellungen vom Umgang mit historischer Bausubstanz mitunter in relativ kurzer Zeit verändern können. Thomas Wiegand führt dazu in der Denkmaltopografie aus: Das "Haus wurde im Jahre 1906 von Bollmann & Landwehr nach Entwurf der Begr. Langenberg errichtet. Seine Fassade war seit 1963 mit Fliesen verkleidet; man hatte dazu mühsam die Sandsteinteile abschlagen müssen - es waren angeblich 86 Tonnen! Die Revidierung dieser Manßnahme als vereinfachte 'Rekonstruktion' erfolgte 1984, also keine zwanzig Jahre später ... " (Denkmaltopografie, S, 249)


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Sehenswürdigkeiten / Besonderheiten

Bedeutung der Straßennamen

Goethestraße

Johann Wolfgang von Goethe wird bis zum heutigen Tage als einer der größten deutschen Dichter und eine der herausragenden Persönlichkeiten der Weltliteratur gehandelt. Er war vielseitig begabt und wird aus diesem Grund nicht nur als bekanntester Vertreter der Weimarer Klassik, sondern auch als Politiker, Kunsttheoretiker und Naturwissenschaftler gepriesen. Während seiner Lebzeiten reiste er viel herum, besuchte viele Städte in Deutschland sowie auch in ganz Europa. Zu den mehrfach besuchten Städten gehörte auch die damalige Residenzstadt Kassel. Allerdings wird seine Vorliebe für die "mannigfachen Sehenswürdigkeiten" Kassels nur selten erwähnt. In dem Buch "Hier war Goethe nicht" konnte Kassel allerdings keine Erwähnung finden. Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter, Catharina Elisabeth von Goethe war die Tochter des Bürgermeisters von Frankfurt und sein Vater, Johann Caspar von Goethe, war anerkannter Staatsmann und im kaiserlichen Rat vertreten. Goethes Vater war von Anfang an sehr daran interessiert seinen einzigen Sohn zum Schultheißen in Frankfurt zu machen. Aus diesem Grund hat er ihn schon früh die Rechtsbücher studieren lassen. Deswegen verließ Goethe nach seiner unbeschwerten Kindheit Frankfurt und fuhr 1765 nach Leipzig, um dort Rechtswissenschaften zu studieren. Auf Grund von schwerer Krankheit konnte er sein Studium erst 1772 in Straßburg beenden. Noch im selben Jahr ging Goethe nach Wetzlar, um dort als Rechtspraktikant am Reichkammergericht zu arbeiten. Die Arbeit dort gefiel dem jungen Goethe allerdings nicht; zuwider war ihm die unaufhaltsame Korruption. Sein Interesse für Rechtswissenschaften, welches von Anfang an eher dem Interesse seines Vaters entsprach, verschwand immer mehr. Goethe entdeckte zunehmend seine Reiselust und widmete sich vollends der Poesie. 1774 hatte er mit "Die Leiden des Jungen Werther" seinen ersten großen Erfolg. Daraufhin ging der junge Dichter nach Weimar, wo er als Geheimer Legationsrat in die Dienste des Herzogs trat. 1779 wurde er schließlich zum Geheimrat befördert. Im selben Jahr besuchte Goethe zum ersten Mal Kassel. Er befand sich mit Herzog Karl August von Weimar auf der Reise in die Schweiz, als er am 14. September 1779 zum ersten Mal im "Posthaus" der Madame Goullon am Königsplatz abstieg. Auf dieser Durchreise machte Goethe Bekanntschaft mit dem jungen Forscher Georg Forster, mit dem er später im regen Briefkontakt stand. Während dieses Aufenthaltes schrieb Goethe in einem Brief an seine Freundin Charlotte von Stein folgendes: "Wir gehen unter den Cassler Herrlichkeiten herum und sehen eine Menge in uns hinein. Die Gemählde-Galerie hat mich sehr gelabt, wir sind wohl und lustig. Es war zeit, daß wir ins Wasser kamen. Schön Wetter haben wir bisher und klare Augen." Allmählich veränderte sich Goethes Weltanschauung. Die Zeit der Stürmer und Dränger war für ihn vorbei. Er wendete sich den ruhigen Formenschönheiten der Antike und der harmonischen Entfaltung der Persönlichkeiten nach dem Gesetz der Schönheit und Humanität zu. In dieser Phase des dichterischen Reifens fing Goethe außerdem an, sich mit den Naturwissenschaften auseinander zu setzen. 1780 wurd Goethe als Lehrling in die Weimarer Loge Amalia aufgenommen und 1781 bereits zum Ge­sellen befördert. Nach seiner Er­nennung zum Meister im Jahre 1782 machte er eine Reise in den Harz. Auf dieser Reise besuchte er erneut Kassel. Dieses Mal zeigte er dem Sohn seiner Freundin Charlotte von Stein, dem jungen Fritz von Stein, die Sehenswürdigkeiten Kassels. Erneut stieg er dabei in dem Posthaus am Königsplatz ab und be­suchte mit Fritz von Stein wiederholt die Gemäldegalerie. Goethe be­fand sich zu dieser Zeit tief in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten. Deswegen untersuchte er an dem Schädel eines jungen Elefanten aus dem Kasseler Museum seine Theorien und machte bald darauf eine seiner wichtigsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Rückbildung des menschlichen Zwischenkieferknochens. Diesen so genannten "Goethe-Elefanten" kann man heute noch im Naturkundemuseum bewundern. 1786 machte Goethe erneut eine Reise. Er verließ Deutschland fluchtartig und reiste unter dem Namen "Filippo Miller" nach Italien. In Rom lernte er den Kasseler Maler Wilhelm Tischbein kennen, der dort einer seiner engsten Freunde wurde. In diesem Jahr entstand das berühmte Gemälde Tischbeins, welches Goethe als Reisenden in der römischen Campagna zeigt - allerdings mit zwei gleichen Füßen. Im Dezember 1792 - nachdem Goethe im "Koalitionskrieg" die "Kampagne in Frankreich" unterstützt hatte - war er erneut zu Gast im Kasseler "Posthaus". Goethe selbst schreibt: "Wie düster aber auch in der letzten und schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aber hundert Lampen erleuchtete Cassel hineinfuhr. Bei diesem Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines bürgerlich-städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die behaglichen Anstalten zur Aufnahme der Fremden." Dieser Aufenthalt Goethes war nur sehr kurz, dennoch hat der Poet Zeit gefunden, erneut die Kasseler Gemäldegalerie aufzusuchen. Vom Herkules war er weniger begeistert. Im August 1801 besucht Goethe das letzte Mal Kassel. Dieses Mal in Begleitung von Christiane Vulpius, seines elfjährigen Sohnes August und von Professor Meyer. Zuvor schrieb Goethe seiner Lebensgefährtin in einem Brief: "Ich freue mich herzlich, Dich wiederzusehen und mit Dir in Cassel unter so viel neuen und schönen Sachen einige Tage zuzubringen. (…) In Cassel kannst du dir ein Hütchen kaufen und ein Kleid, sie haben die neusten Waren dort so gut als irgendwo." 1808 wurde Goethe von Napoléon I. das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. Im selben Jahr erschien neben der Gesamtausgabe seiner Werke Faust I. Die letzten Jahre Goethes waren sehr leidvoll. Der Verlust seines Freundes Schiller (1805), seiner Frau (1816) und seines einzigen Sohnes (1830) machten ihn zu einem sehr einsamen Menschen. Ein erneuter Blutsturz 1830 fesselte ihn an sein Bett, das er in den letzten Jahren seines Lebens kaum mehr verließ. Bis zu seinem Tod am 22. März 1832 arbeitete Johann Wolfgang von Goethe aktiv an Faust II, der sein großes Lebenswerk endgültig vollendete. Obwohl Goethe Kassel nur wenige Male besucht hat, hat er dennoch viele Spuren hinterlassen. So geht aus den zahlreichen Tagebucheinträgen und Briefen deutlich hervor, wie sehr Goethe die Bildergalerie, das Theater, die Museen, die Schlösser, den Bergpark und nicht zuletzt die hervorragenden Einkaufsmöglichkeiten in Kassel begeisterten. Besucher des Landesmuseums in Kassel können dort heute noch Goethes Eintragungen in die Besucherverzeichnisse vorfinden. Außerdem glauben viele Philologen, dass Goethe selbst bei der Niederschrift des 4. Aufzugs des Faust II an Kassel gedacht haben muss. Die Beschreibung des "Ortes der Sinnenlust" und die Erwähnung der "Teufelsbrücke" deuten daraufhin, dass Goethe sich vom Bergpark Wilhelmshöhe hat inspirieren lassen. Die Bezeichnung Goethestraße ist ein Ergebnis der Umbenennungen in der Nachkriegszeit. Ursprünglich war eine der wesentlichen Achse im Vorderen Westen nach dem Kaiser benannt, der später auf einigen Abschnitten der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg weichen musste (Admiral Scheer Straße, Skagerrakplatz). Die Abbildung zeigt die Goethe-Büste im Stadthallengarten, die von der Kasseler Goethe-Gesellschaft gestiftet wurde.

Murhardstraße

Murhard, Brüder.jpg

Die Brüder Murhard stammten aus einer vermögenden hessischen Beamtenfamilie, ihre Vorfahren waren schon seit dem 15. Jahrhundert im Dienst der hessischen Landgrafen. Friedrich Murhard war der ältere Bruder. Er wurde am 7. Dezember 1778 in Kassel geboren, Karl am 23. Februar 1781 gleichfalls in Kassel. Beide Brüder besuchten zunächst das Lyceum Fridericianum in Kassel und studierten später in Göttingen, das damals als Ort der fortschrittlichen und freiheitlichen Geister galt. Friedrich studierte Mathematik, Philologie und Geschichte, während sich sein Bruder den Rechts- und Staatswissenschaften widmete. 1795 immatrikulierte sich Friedrich, promovierte be­reits ein Jahr später und arbeitete im Anschluss daran als Privatdozent an der Universität Göttingen. Im Rahmen dieser Tätigkeit veröffentlichte er 1796-98 zahlreiche mathe­matische und naturwissenschaftliche Abhandlungen. Karl immatrikulierte sich 1797 und freundete sich im Studium mit den Lehrern des liberalen Adam Smith an. Er wechselte 1800 zum Zwecke der Promotion und Anwaltsprüfung nach Marburg. Anschließend arbeitete er bis 1806 als Archivar der Oberrentkammer in Kassel. Beide Brüder standen in Opposition zu den Verhältnissen in Kurhessen und hegten Sympathien für Napoleon und für Grundsätze der Französischen Revolution. Friedrichs oppositionelle Haltung gegenüber der kurhessischen Regierung wuchs nach einer Frankreichreise, nach der er im "Reichsanzeiger" die ve­r­altete kurhessische Gerichtsverfassung kritisierte, wofür man ihn kurzzeitig verhaftete. Als das Kurfürstentum 1806 durch Na­poleon aufgelöst und mit anderen Territorien zum Königreich Westphalen zusam­mengelegt wur­de, Kurhessen Teil des ersten deutschen Ver­fassungsstaates war, engagiert er sich ganz stark und konnte als Bibliothekar der Landesbibliothek, Präfekt des Fulda-Departements und Redakteur des "Moniteur Westphalen" für das arbeiten, was er begeistert begrüßte. Auch Karl trat für die Überwindung des Absolutismus in Kur­hessen aktiv ein, wurde 1808 Leiter einer Abteilung im Finanzministerium und als Jurist und Finanzexperte dort zu einem der wichtigsten Beamten. Nach dem Zusammenbruch des Königreiches Westphalen und der Rückkehr des Kurfürsten wurde Friedrich aller Ämter enthoben und unter polizeiliche Aufsicht gestellt, was ihn zur Übersiedlung nach Frankfurt bewegte. Sein Bruder Karl arbeitete noch bis 1816 wieder als Archivar in der Oberrentkammer. Nach der Verhaftung und dem für ihn rufschädigenden Verhalten seines Bruders in Frankfurt schied er 1816 resigniert aus dem kurhessischem Staatsdienst aus, lebte einige Jahre wie der Bruder in Frankfurt, wurde aber nach dessen Verhaftung abgeschoben und verbrachte die weiteren Lebensjahre seit 1824 in Kassel. Friedrich war in Frankfurt Herausgeber der "Europäischen Zeitung" und arbeitete als Redakteur und Korrespondent für weitere Zeitungen, beleuchtete das Zeitgeschehen sehr kritisch. Diese Tätigkeit und auch seine Verbindung zu einem polizeilich gesuchten Burschenschaftler brachten ihm über viele Jahre hinweg Verhaftungen, zeitweise Haft und ein Publikationsverbot ein, wovon ihn erst die Julirevolution 1830 befreite. In der Zeit danach verfasste er seine Hauptwerke über den Rechts- und Verfassungsstaat, in denen er sich staatstheoretisch mit Fragen der Volkssouveränität, des Widerstandsrechtes, der Gesetzesinitiative oder der Auslegung der Hessischen Verfassung befasste. Aufgrund dieser Werke wurde Friedrich 1844 im Alter von 65 Jahren nochmals verhaftet. Das Verfahren, in dem er ursprünglich zu einer mehrmonatigen Haft verurteilt wurde, beendete erst eine Amnestie im Gefolge der Revolution von 1848. Der künstlerisch interessierte und sprachenkundige Karl Murhard entfaltete in diesen Jahrzehnten eine breite Tätigkeit als Übersetzer und Rezensent sowie als Autor nationalökonomischer, finanz- und steuertheoretischer Schriften, in denen er dem Liberalismus verpflichtet blieb, insbesondere den Lehren von Adam Smith, die er aber auch ansatzweise überwand. Die Murhards blieben Junggesellen. Sie konnten sich aufgrund ihres Vermögens ein komfortables Leben leisten und reisten viel. In ihrer Geburtsstadt Kassel hatten sie zwei Wohnungen, eine Stadtwohnung am Königsplatz und ein Gartenhaus in der Wilhelmshöher Allee. Friedrich starb dort am 29. November 1853 und sein Bruder Karl am 8. Februar 1863. Schon 1845 hatten die Brüder ihren gesamten Nachlass für die Stadt Kassel bestimmt. Das Erbe ging als Stiftung in das Eigentum der Stadt Kassel über. Der Hauptgegenstand des Testaments war die Gründung einer wissenschaftlichen Stadtbibliothek, in die das Vermögen der Brüder und ihre eigene, umfangreiche Bibliothek eingingen. Die Brüder verfügten, dass die Bibliothek ihren Namen zu führen habe, was noch heute der Fall ist mit der Murhardschen Bibliothek, die inzwischen mit der Bibliothek der Gesamthochschule-Universität Kassel verbunden ist. Die beiden Brüder gehören mit ihrer wissenschaftlich-publizistischen Arbeit zu den geistigen Wegbereitern des politischen und wirtschaftlichen Liberalismus in Deutschland. Ihr Wirken in Kassel umspannte die Zeit von der Aufklärung bis zum Verfassungsstaat des 19. Jahrhunderts. Ihr materielles Vermächtnis an ihre Vaterstadt lebt in der Murhardschen Bibliothek der Stadt Kassel fort, ihr geistiges Vermächtnis ist wahrscheinlich weniger bekannt.

Nebelthaustraße

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Nachdem am 1. März 1863 der Kasseler Oberbürgermeister Hartwig überraschend gestorben war, trat an dessen Stelle der damalige Vizebürgermeister Friedrich Nebelthau, der von 1845 bis 1852 und dann wieder ab 1856 als Beigeordneter der Stadtverwaltung gewirkt hatte. Fast anderthalb Jahre nach Hartwigs Tod wurde Nebelthau dann am 20. August 1864 einstimmig zum Oberbürgermeister gewählt und prägte die Ge­schichte Kassels. Friedrich August Wilhelm Nebelthau wurde am 22. Januar 1806 in Kassel als Sohn des Oberpostmeisters Jacob Nebelthau geboren. Nach seinem Jurastudium ließ er sich in Kassel als Rechtsanwalt (Obergerichtsanwalt) nieder und übernahm 1841 dazu noch die Posthalterei seines Vaters. Nun, als neuer Postmeister, gehörte es auch zu seinen Pflich­ten, der Equipe des Kur­fürsten voranzureiten, was für ihn allerdings keine angenehme Aufgabe war, denn in der kurhessischen Innenpolitik ge­hörte Nebelthau zu den Geg­nern des Fürsten. Trotz dieser verhassten Pflicht fühlte sich Friedrich Nebelthau im Sattel seines Pferdes wohl und muss ein ausgezeichneter Reiter ge­wesen sein, was in ganz Kassel bekannt war. Gern ritt er als junger Mann in der Karlsaue spazieren und die Kasselaner schmiedeten darauf ihre Verse über ihn. Neben dem Reiten pflegte Friedrich Nebelthau aber noch andere Hobbys. Er war musikalisch, spielte Violine und war unter anderem ein gern gesehener Gast auf den häuslichen Abendunterhaltungen seines Geigenlehrers, des damals und noch heute berühmten Louis Spohr. Einem weiteren Hobby, der Heimatgeschichte, war er besonders zugetan. Er hielt geschichtliche Vorträge und schrieb Aufsätze. Der Verein für hessische Geschichte und Landeskunde gab daher am 16. August 1884, fast neun Jahre nach Nebelthaus Tod, seine Schrift "Die ältesten und älteren Gebäude Kassels" anlässlich des 50jährigen Vereinsbestehens gedruckt heraus. Seine größte Wirksamkeit entfaltete Nebelthau aber zweifelsohne als kurhessischer Innenpolitiker. Wie der bekanntere Friedrich Oetker gehörte er zum liberalen Lager, was bedeutete, dass er zur damaligen Opposition zu zählen war, welche einst die Verfassung durchgesetzt hatte und danach in ständiger Auseinandersetzungen mit Kurfürst und Regierung um deren Erfüllung rang. 1836 wurde er erstmals als Abgeordneter für Hersfeld in die Städteversammlung (das "Landesparlament") gewählt, 1850 für Eschwege; er blieb Abgeordneter bis 1866 und übernahm ab 1860 das Amt des Vorsitzenden. Nebelthau galt dabei als ein Mann von kluger Beredsamkeit und taktischem Geschick. Obwohl Nebelthau als Abgeordneter die kurhessische Verfassung und damit den Bestand Kurhessens zu verteidigen hatte, gehörte er zu den Befürwortern eines Anschlusses des Landes an Preußen. Eingefleischte Kurhessen konnten daher mit ihm nicht zufrieden sein und zählten ihn deshalb zu den "Totengräbern" Kurhessens. Als im Juni 1866 die Preußen Kurhessen besetzt hatten, reichte er als erster dem preußischen General von Beyer die Hand, dabei hatte er am Abend zuvor noch dem Kurfürsten seine Treue versichert. Schon am 22. August 1866 reiste Nebelthau an der Spitze einer städtischen Kommission nach Berlin, um König Willhelm das Schicksal Kassels ans Herz zu legen. Der versprach auch Kassel seinen Status als Residenzstadt zu bewahren und zeigte sich äußerst überrascht, schon so früh Spitzen der Stadtverwaltung bei sich zu sehen. Viele Menschen in Kassel und Hessen missbilligten dieses Vorpreschen. Nebelthau starb am 31. Juli 1875 im Alter von 69 Jahren in Kassel und wurde auf dem Hauptfriedhof beigesetzt. Er war in seinen letzten Jahren noch Mitglied des preußischen Herrenhauses und des Reichtages (nationalliberale Fraktion) gewesen und mit dem Roten Adlerorden ausgezeichnet worden. Die Stadt Kassel pflegt heute noch Friedrich Nebelthaus Ehrengrab. Nach Wolfgang Hermsdorff, dem diese Informationen zu verdanken sind, wurde Nebelthau nicht in das mehrbändige Werk "Lebensbilder aus Kurhessen und Waldeck" aufgenommen. Er schreibt: "Wenigstens erinnert der Name einer kleinen Straße in Kassels vorderem Westen an den Oberbürgermeister und Abgeordneten Nebelthau." (Hersmsdorff, Ein Blick zurück, Nr. 1057).

aus: Matthäus, Hohenzollernviertel


Literatur

Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010

Wolfgang Matthäus (Hg.), Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und „Geschichtspolitik“, Kassel 2005

Thomas Wiegand, Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Kassel II, hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 2005