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Version vom 11. Juni 2013, 16:06 Uhr

Basisdaten
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Kurzbeschreibung

Etwa hundert Jahre lang war der Kreuzungsbereich dreier Straßen der Schrecken von Fußgängern und später Fahrschülern, ehe 1989 eine künstlerische Aktion die Asphaltwüste mit einer provisorischen Verkehrsinsel versah, auf der danach verschiedene künstlerische Objekte erschienen, aber wieder entfernt wurden. So eigneten sich Frauen den Ort als „Platz der widerstandleistenden Frauen“ an (am Rand lag das erste Frauenzentrum), hatten jedoch damit keinen dauerhaften Erfolg. Demgegenüber kam es zu einer nachhaltigen Verkehrsberuhigung, die seit etwa dem Jahr 2000 durch einen gärtnerisch gestalteten Schmuckplatz erreicht wird. Dieser wird dominiert durch zwei herausragende Beispiele des Jugendstils in Kassel.

Geschichte

Ein Jahrhundert blieb die Kreuzung von drei Straßen nahezu unverändert. Jahrzehntelang war sie der Schrecken aller Fahrschüler, die im „Café Angst“ in unmittelbarer Nähe auf ihre Fahrstunde warteten. Als Platz, den zu überqueren für Fußgänger zum Abenteuer wurde, war sie nicht gedacht. Es bedurfte einer künstlerischen Aktion, um den Anstoß dafür zu geben, dass der erst seit einigen Jahren ganz offiziell als Goethestern bezeichnete Kreuzungsbereich sein heutiges Aussehen erhalten sollte. „Dass mal etwas auf dem Platz geschieht zum Wohlbefinden der Anwohner“ war eines der Ziele der Künstlergruppe „1 A Kassel“, die im September 1989 einen grünen Teppichboden, einen „Kunstrasen“, auf dem Asphalt in der Platzmitte auslegte und damit eine Verkehrsinsel schuf, deren verkehrsberuhigende Wirkung sich sofort zeigte. Die Aktion „Heimat, dein Stern“, zu der auch ein Rasenmähen und eine Gartenzwergparade gehörten, löste Initiativen - vor allem des Ortsbeirates - aus, die Insel auch weiterhin bestehen zu lassen. Waren sich hier alle im Prinzip einig, war der Weg frei für die Insel, so sollte es dennoch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis der „Platz“ seine heutige Gestaltung erhielt. Noch 1999 sprach die örtliche Presse von einer „Schande“, einer Tristesse im Vorderen Westen. War man offenkundig mit den Planungen einer „größtmöglichen Insel“ durch die Stadt einverstanden, so waren es vor allem Gestaltungs- und Finanzierungsfragen (der Orstbeirat versuchte immer wieder durch eigene Dispositionsmittel das Vorhaben voran zu bringen), die die Fertigstellung des Vorhabens zu einer unendlich scheinenden Geschichte werden ließen. Dabei gab es die heftigsten Auseinandersetzungen, als zur Walpurgisnacht 1991 Frauen aus der autonomen Frauen- und Lesbenszene sich den Platz aneigneten, ein feministisches Denkmal auf dem noch immer kahlen Oval errichteten und den Ort in „Platz der widerstandleistenden Frauen“ (um)benannten. Die Skulptur „Emma Murcks“ trat in Konkurrenz zu anderen Gestaltungsvorschlägen (vor allem von Friedel Deventer), 1992 aber auch zu einem zweiten Kunstwerk, als Ziggi Böttcher 1992 im Rahmen der documenta-Begleitaktion „Platz da!“ seine überdimensionale Steinschleuder errichtete, die ebenso wie die metallene Saboteurin 1993 wieder abgebaut wurde. Gestaltungsentwürfe gab es eine ganze Reihe: so die Idee, auf dem Oval die Dapolin-Tankstelle aufzustellen, die dem ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe zum Opfer gefallen war, oder auch die zahlreichen in Modellform gekleideten Ideen für ein Denkmal auf dem Podest in der Mitte, die Schülerinnen und Schüler mehrerer Kasseler Schulen auf Anregung des Ortsbeirates entwarfen. Letztlich war die bestehende Tankstelle am Platz eher verschwunden und dort ein Wohngebäude („Goethestern“) errichtet als der Platz begrünt. Erst im Jahre 2000 meldete die HNA: „neuer Glanz für einen Stern“, nachdem Buchsbaumhecken und geplasterte Wege, angelegt worden waren, das Podest in der Mitte einer Buchsbaumpyramide gewichen, die Verkehrsinsel als Schmuckplatz angelegt war. Bänke und die heutige Bepflanzug kamen erst noch ein paar Jahre später hinzu, aber nicht ein Goethedenkmal, das im Stadthallengarten seinen Platz fand. In gleichen Jahr hatten Frauen ein zweites Denkmal errichtet, das nach wenigen Wochen wieder zerstört wurde.

aus: Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Vorderen Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010

Architektur

Eigentum vepflichtet - Kulturdenkmal Goethestraße 67

Kontrastiert hätte die schnörkellos funktionale ehemalige Tankstelle vor allem mit einem „Juwel des Jugenstils“ in Kassel (HNA). Während Diskuss­ionen zu ihrer Wiederrichtung bislang zu keinem Ergebnis geführt haben, sie vermutlich inzwischen auf dem städtischen Bauhof verrottet, ist das fünfgeschossige Wohn- und Geschäftshaus an der Ecke Pestalozzistraße/Goethestraße in den letzten Jahrzehnten auf vorbildliche, mühsame und liebevolle Weise bis in die Details hinein restauriert worden. So viel Originales wie hier findet sich sonst nicht mehr im Vorderen Westen. Dass an und in dem 1905 fertig gestellten Gebäude heute nicht nur eine Fassade, sondern vor allem auch gründerzeitliche, vom Jugenstil geprägte Innenarchitektur zu bewundern ist, verdankt sich der Hauseigentümerin, die all dies hat restaurieren, zum Teil erst wieder freilegen lassen: Stuckdecken, Wandvertäfelungen, Jugendstilfliesen, bleiverglaste Fenster und Oberlichter, Deckenmalereien, Stuck, Dienstbotentreppen und andere Zeugnisse der Entstehungszeit - Zeugnisse des Repräsentationsbedürfnisses des Bürgertums zu Beginn des letzten Jahrhunderts. An das „bessere“ Publikum war nicht nur bei den Wohnungen, sondern auch bei der geschäftlichen Nutzung gedacht. Für das Erdgeschoss war ein Café vorgesehen, das diesem entsprechen sollte. In Anträgen zu seiner Konzessionierung (eine damals schwierige Angelegenheit) hieß es u. a.:

„In dem hier vorliegenden Stadtteil (…), in welchem doch wohl nur besseres Publikum wohnt und verkehrt, ist ein Lokal, wie es von mir zu eröffnen beabsichtigt wird, noch nicht vorhanden. Dass dieser Stadtteil in schneller und blühender Entwicklung begriffen ist, beweist die große Bautätigkeit, die dort herrscht. Abgesehen davon dürfen die bereits errichteten und bewohnten Gebäude und der überaus rege Verkehr, welcher die Kaiserstraße von und nach Wilhelmshöhe belebt, die Bejahung der Bedürfnisfrage genügend rechtfertigen.“ „Alle in der Nähe befindlichen Lokale sind nur ganz gewöhnliche Bierwirtschaften, in denen besseres Publikum nicht verkehren kann. Da aber in jener Gegend fast ausschließlich sogenanntes feines Publikum wohnt, so ist allerdings das Bedürfnis für ein bess­eres Cafè-Restaurant dort vorhanden. Für das sogenannte feinere in der Kaiserstraße und den Nachbarstraßen wohnende Publikum besteht somit kein Lokal, in dem es verkehren kann.“ „Die Räume erhalten Linoleumbelag, die Decken sind moderne Stuckdecken und die Wände haben hohe Holzlamperie mit Spiegeleinlagen. Das Café hat Centralheizung und elektrische Beleuchtung. Die Ausstattung der Räume soll behaglich sein und besten Ansprüchen genügen, und es wird beabsichtigt das Café so zu bewirtschaften, dass den im Westen wohnenden Herrschaften der weite Weg in die Königsstraße erspart bleibt.“ (Stadtarchiv Kassel A. 3.3.32, 2134, zit. nach Wiegand, S. 258) Das Café „Prinzenhof“ konnte schließlich 1906 eröffnen, später - bis 1923 - befand sich in den Räumlichkeiten die Gaststätte „Meiningerhof“. Die heutige gewerbliche Nutzung entspricht dem historischen Charakter des Hauses.

aus: Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Vorderen Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010

Bedeutung der Straßennamen

Goethestraße

Johann Wolfgang von Goethe wird bis zum heutigen Tage als einer der größten deutschen Dichter und eine der herausragenden Persönlichkeiten der Weltliteratur gehandelt. Er war vielseitig begabt und wird aus diesem Grund nicht nur als bekanntester Vertreter der Weimarer Klassik, sondern auch als Politiker, Kunsttheoretiker und Naturwissenschaftler gepriesen. Während seiner Lebzeiten reiste er viel herum, besuchte viele Städte in Deutschland sowie auch in ganz Europa. Zu den mehrfach besuchten Städten gehörte auch die damalige Residenzstadt Kassel. Allerdings wird seine Vorliebe für die "mannigfachen Sehenswürdigkeiten" Kassels nur selten erwähnt. In dem Buch "Hier war Goethe nicht" konnte Kassel allerdings keine Erwähnung finden. Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter, Catharina Elisabeth von Goethe war die Tochter des Bürgermeisters von Frankfurt und sein Vater, Johann Caspar von Goethe, war anerkannter Staatsmann und im kaiserlichen Rat vertreten. Goethes Vater war von Anfang an sehr daran interessiert seinen einzigen Sohn zum Schultheißen in Frankfurt zu machen. Aus diesem Grund hat er ihn schon früh die Rechtsbücher studieren lassen. Deswegen verließ Goethe nach seiner unbeschwerten Kindheit Frankfurt und fuhr 1765 nach Leipzig, um dort Rechtswissenschaften zu studieren. Auf Grund von schwerer Krankheit konnte er sein Studium erst 1772 in Straßburg beenden. Noch im selben Jahr ging Goethe nach Wetzlar, um dort als Rechtspraktikant am Reichkammergericht zu arbeiten. Die Arbeit dort gefiel dem jungen Goethe allerdings nicht; zuwider war ihm die unaufhaltsame Korruption. Sein Interesse für Rechtswissenschaften, welches von Anfang an eher dem Interesse seines Vaters entsprach, verschwand immer mehr. Goethe entdeckte zunehmend seine Reiselust und widmete sich vollends der Poesie. 1774 hatte er mit "Die Leiden des Jungen Werther" seinen ersten großen Erfolg. Daraufhin ging der junge Dichter nach Weimar, wo er als Geheimer Legationsrat in die Dienste des Herzogs trat. 1779 wurde er schließlich zum Geheimrat befördert. Im selben Jahr besuchte Goethe zum ersten Mal Kassel. Er befand sich mit Herzog Karl August von Weimar auf der Reise in die Schweiz, als er am 14. September 1779 zum ersten Mal im "Posthaus" der Madame Goullon am Königsplatz abstieg. Auf dieser Durchreise machte Goethe Bekanntschaft mit dem jungen Forscher Georg Forster, mit dem er später im regen Briefkontakt stand. Während dieses Aufenthaltes schrieb Goethe in einem Brief an seine Freundin Charlotte von Stein folgendes: "Wir gehen unter den Cassler Herrlichkeiten herum und sehen eine Menge in uns hinein. Die Gemählde-Galerie hat mich sehr gelabt, wir sind wohl und lustig. Es war zeit, daß wir ins Wasser kamen. Schön Wetter haben wir bisher und klare Augen." Allmählich veränderte sich Goethes Weltanschauung. Die Zeit der Stürmer und Dränger war für ihn vorbei. Er wendete sich den ruhigen Formenschönheiten der Antike und der harmonischen Entfaltung der Persönlichkeiten nach dem Gesetz der Schönheit und Humanität zu. In dieser Phase des dichterischen Reifens fing Goethe außerdem an, sich mit den Naturwissenschaften auseinander zu setzen. 1780 wurd Goethe als Lehrling in die Weimarer Loge Amalia aufgenommen und 1781 bereits zum Ge­sellen befördert. Nach seiner Er­nennung zum Meister im Jahre 1782 machte er eine Reise in den Harz. Auf dieser Reise besuchte er erneut Kassel. Dieses Mal zeigte er dem Sohn seiner Freundin Charlotte von Stein, dem jungen Fritz von Stein, die Sehenswürdigkeiten Kassels. Erneut stieg er dabei in dem Posthaus am Königsplatz ab und be­suchte mit Fritz von Stein wiederholt die Gemäldegalerie. Goethe be­fand sich zu dieser Zeit tief in seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten. Deswegen untersuchte er an dem Schädel eines jungen Elefanten aus dem Kasseler Museum seine Theorien und machte bald darauf eine seiner wichtigsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse über die Rückbildung des menschlichen Zwischenkieferknochens. Diesen so genannten "Goethe-Elefanten" kann man heute noch im Naturkundemuseum bewundern. 1786 machte Goethe erneut eine Reise. Er verließ Deutschland fluchtartig und reiste unter dem Namen "Filippo Miller" nach Italien. In Rom lernte er den Kasseler Maler Wilhelm Tischbein kennen, der dort einer seiner engsten Freunde wurde. In diesem Jahr entstand das berühmte Gemälde Tischbeins, welches Goethe als Reisenden in der römischen Campagna zeigt - allerdings mit zwei gleichen Füßen. Im Dezember 1792 - nachdem Goethe im "Koalitionskrieg" die "Kampagne in Frankreich" unterstützt hatte - war er erneut zu Gast im Kasseler "Posthaus". Goethe selbst schreibt: "Wie düster aber auch in der letzten und schwärzesten aller Nächte meine Gedanken mochten gewesen sein, so wurden sie auf einmal wieder aufgehellt, als ich in das mit hundert und aber hundert Lampen erleuchtete Cassel hineinfuhr. Bei diesem Anblick entwickelten sich vor meiner Seele alle Vorteile eines bürgerlich-städtischen Zusammenseins, die Wohlhäbigkeit eines jeden einzelnen in seiner von innen erleuchteten Wohnung und die behaglichen Anstalten zur Aufnahme der Fremden." Dieser Aufenthalt Goethes war nur sehr kurz, dennoch hat der Poet Zeit gefunden, erneut die Kasseler Gemäldegalerie aufzusuchen. Vom Herkules war er weniger begeistert. Im August 1801 besucht Goethe das letzte Mal Kassel. Dieses Mal in Begleitung von Christiane Vulpius, seines elfjährigen Sohnes August und von Professor Meyer. Zuvor schrieb Goethe seiner Lebensgefährtin in einem Brief: "Ich freue mich herzlich, Dich wiederzusehen und mit Dir in Cassel unter so viel neuen und schönen Sachen einige Tage zuzubringen. (…) In Cassel kannst du dir ein Hütchen kaufen und ein Kleid, sie haben die neusten Waren dort so gut als irgendwo." 1808 wurde Goethe von Napoléon I. das Kreuz der Ehrenlegion verliehen. Im selben Jahr erschien neben der Gesamtausgabe seiner Werke Faust I. Die letzten Jahre Goethes waren sehr leidvoll. Der Verlust seines Freundes Schiller (1805), seiner Frau (1816) und seines einzigen Sohnes (1830) machten ihn zu einem sehr einsamen Menschen. Ein erneuter Blutsturz 1830 fesselte ihn an sein Bett, das er in den letzten Jahren seines Lebens kaum mehr verließ. Bis zu seinem Tod am 22. März 1832 arbeitete Johann Wolfgang von Goethe aktiv an Faust II, der sein großes Lebenswerk endgültig vollendete. Obwohl Goethe Kassel nur wenige Male besucht hat, hat er dennoch viele Spuren hinterlassen. So geht aus den zahlreichen Tagebucheinträgen und Briefen deutlich hervor, wie sehr Goethe die Bildergalerie, das Theater, die Museen, die Schlösser, den Bergpark und nicht zuletzt die hervorragenden Einkaufsmöglichkeiten in Kassel begeisterten. Besucher des Landesmuseums in Kassel können dort heute noch Goethes Eintragungen in die Besucherverzeichnisse vorfinden. Außerdem glauben viele Philologen, dass Goethe selbst bei der Niederschrift des 4. Aufzugs des Faust II an Kassel gedacht haben muss. Die Beschreibung des "Ortes der Sinnenlust" und die Erwähnung der "Teufelsbrücke" deuten daraufhin, dass Goethe sich vom Bergpark Wilhelmshöhe hat inspirieren lassen. Die Bezeichnung Goethestraße ist ein Ergebnis der Umbenennungen in der Nachkriegszeit. Ursprünglich war eine der wesentlichen Achse im Vorderen Westen nach dem Kaiser benannt, der später auf einigen Abschnitten der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg weichen musste (Admiral Scheer Straße, Skagerrakplatz). (aus: Wolfgang Matthäus (Hg.), Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und "Geschichtspolitik", Kassel 2005)

Lassallestraße

Die Lassallestraße hieß bis 1949 Eulenburgstraße. Der Straßenname erinnert an die Gründungsgeschichte der deutschen Sozialdemokratie. Lassalle wurde am 11. April 1825 als Sohn des jüdischen Seidenhändlers Heyman Lassal und seiner Frau Rosalie Heitzfeld in Breslau geboren. Schon früh wurden Lassalles Scharfsinn und seine herausragenden rhetorischen Fähigkeiten deutlich. Heinrich Heine und Alexander von Humboldt bezeichneten ihn mehrfach als "Wunderkind" oder auch als den "neuen Mirabeau". Auf seinen eigenen Wunsch hin und gegen die Vorstellungen seines Vaters studierte Ferdinand Lassalle 1843-1846 Philosophie und Geschichte in Breslau und Berlin. Während dieser Zeit setzte er sich mit der Geschichtsphilosophie Hegels auseinander. Das Hegelsche Geschichtsdenken wurde nicht nur prägend, sondern auch verbindlich für Lassalle - sein ganzes Leben lang. Eine Universitätslaufbahn (als Dozent) blieb ihm allerdings auf Grund seiner jüdischen Herkunft verwehrt. Dennoch waren es weniger Wünsche nach Judenemanzipation, sondern vielmehr Lassalles demokratisch-revolutionäre Gesinnung sowie sozialistisch-kommunistischen Ideen, welche ihn nach der "Befreiung der Menschheit" streben ließen. Die frühsozialistischen Ideen von Louis Blanc und Joseph Proudhon hatte er auf einer Studienreise nach Paris (1845) kennen gelernt. Der Scheidungsprozess (1846-1854) der Gräfin Sophie Hatzfeldt, in welchem Lassalle oftmals als Bevollmächtigter der Gräfin agierte, verhalf ihm zu Rang und Namen. Im Verlauf dieses Prozess, den Lassalle selbst auch als einen politischen Kampf gegen die bestehenden sozialen Machtverhältnisse verstand, glänzte dieser mehrfach durch seine brillanten (Verteidigungs-) Reden, litt aber auch unter politischer Verfolgung. Der so genannte "Volksheld der demokratischen Revolution im Rheinland" wurde 1849 auf Grund seines aktiv revolutionären Handelns während der Revolution 1848/49 zu einer sechsmonatigen Haftstrafe wegen Beleidigung eines hohen Staatsbeamten verurteilt. Er musste deshalb die Zusammenarbeit mit Karl Marx und der "Neuen Rheinischen Zeitung" einstellen. Lassalle war zu dieser Zeit bereits nicht nur sehr populär ("Lassalle-Kult"), sondern seine Tätigkeiten hatten ihm auch die erwünschte finanzielle Unabhängigkeit eingebracht. In Anbetracht der gescheiterten Revolution und wiederholter Verhaftungen gehörte Lassalle zu denjenigen, die ihren demokratischen Prinzipien weiterhin treu blieben. In den fünfziger Jahren war er um schriftstellerisches und wissenschaftliches Ansehen in philosophischen Kreisen bemüht und publizierte seine philosophischen und politischen Ideen. In der Untersuchung "Die Philosophie des Herakleitos" (1857), zahlreichen anderen Schriften, vor allem aber in "Das System der erworbenen Rechte, eine Versöhnung des positiven Rechts und der Rechtsphilosophie" (1860-62) setzte er sich mit Hegel und dem liberalen Bürgertum auseinander und arbeitete heraus, dass ein gleiches Recht für alle erst in einer solidarischen Gesellschaft von politisch und sozial Gleichgestellten ohne (Besitz-) Privilegien zu erreichen sei. Auf ökonomischem Gebiet entwickelte er die These vom "ehernen Lohngesetz", die in der Arbeiterbewegung, vor allem von Marx, kritisiert wurde. 1860-1862 unternahm Lassalle eine Reise durch die Schweiz und Italien. Hier machte er Bekan­n­t­­schaft mit der national-italienischen revolutionären Bewegung. Durch seine Stellungnahmen zur Arbeiterfrage bekam er engeren Kontakt mit Ar­beitervereinen und stieg in den letzten beiden Jahren seines kurzen Lebens zum unumstrittenen Führer und Organisator der ersten selb­st­ständigen deutschen Ar­beiterbewegung auf. Rie­sige Menschenmassen fei­­­erten stürmisch ihren erfolgreichen Kämpfer und Helden. Nachdem Lassalle 1862 einige Reden u.a. vor dem Berliner Arbeiterverein und dem Bürgerbezirksverein gehalten hatte, bat ihn das Leipziger Zentralkomitee ein Schreiben zu formulieren, in welchem er die Ziele und Aufgaben der Arbeiterbewegung darstellen sollte. Sein berühmtes "Offenes Antwortschreiben", welches das Lassalle'sche Arbeiterprogramm enthielt, wurde zum Statut des am 23. Mai 1863 gegründeten "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" (ADAV). Lassalle hatte die Abschaffung des verhassten Dreiklassenwahlrechts und die Beteiligung der Arbeiter an der Produktion sowie den Aufbau von Produktivassoziationen der Arbeiter mit staatlichen Hilfen gefordert, um soziale Ungleichheiten abzubauen. Er wurde zum ersten Präsidenten des ADAV gewählt und tat sehr viel, um die Ziele und das Programm der Arbeiterbewegung durchzusetzen. Dafür nahm er sogar Kontakt zu Otto von Bismarck auf. Die Gespräche führten allerdings zu keinem Erfolg. Auf dem Höhepunkt seines Wirkens kam es zu einem tragischen Zwischenfall. Lassalle erlag am 31. August 1864 einer Verletzung, die er sich bei einem Duell wegen einer Frauenaffäre in Genf zugezogen hatte. Lassalle war einer der führenden deutschen Theoretiker seiner Zeit. Zwar kritisierte Marx diesen mehrfach für seine Fehleinschätzungen sowie für die zum Teil utopischen Theorien, dennoch war Lassalle auch eindeutig ein willensstarker Mensch der Tat. Seine Ideen wirkten in der sozialdemokratischen Arbeitbewegung weiter; der ADAV vereinigte sich 1875 mit der von Liebknecht und Bebel 1869 gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP), die sich seit 1890 Sozialdemokratische Partei Deutschlands nannte. Im Vorderen Westen löste der "Urdemokrat" Lassalle 1947 einen konservativen Verteidiger der Klassengesellschaft des Kaiserreichs als Namenspatron ab, der die Sozialdemokratie heftig bekämpft hatte. (aus: Matthäus, a.a.O.)

Pestalozzistraße

Die ursprüngliche Prinzenstraße erfuhr nach dem Zweiten Weltkrieg eine fortschrittliche Umbenennung, sie wurde nach einem Pädagogen benannt, dessen Auffassungen noch heute bedeutsamt. In Deutschland gibt es wohl zahlreiche "Pestalozzi-Schulen" und auch -straßen. Johann Heinrich Pestalozzi wurde am 12. Januar 1746 in Zürich geboren. In erster Linie ist er als Erzieher und Schulreformer bekannt, war daneben aber auch Schriftsteller, Politiker und Philosoph. Seine Schriften und sein Wirken ließen ihn zum Wegbereiter der Volksschule werden. Er trat überzeugt für die Volksbildung ein, eine Bildung, die auch den unteren Gesellschaftsschichten zugänglich sein sollte - und nicht nur Prinzen. Dazu nahm erJean Jacques Rousseaus' Ideen auf und verknüpfte diese mit seinen beziehungsweise grenzte sie von eigenen Überzeugungen ab. Pestalozzi, der seinen Vater bereits in jungen Jahren verlor, besuchte von 1751-54 zunächst die Elementarschule. Hieran sollte sich der Besuch der Lateinschule sowie des Collegium humanitatis anschließen (1754-63). In den folgenden zwei Jahren widmete er sich seinem Philologie- sowie Philosophiestudium am Zürcher Collegium Carolinum (aufklärerische Ausrichtung). Stark geprägt wurde Pestalozzi durch die so ge­nannte "Helvetische Gesellschaft", der er 1764 schließlich beitrat. Die Ideen dieser Gesellschaft ging­­en auf Montesquieu und Rousseau zurück. Kritisiert wurden neben der eher einer Oligarchie gleichende Demokratie Zürichs das als "verweichlicht" angesehene Leben der Städter sowie die Unterdrück­ung der Zürcher Landbevölkerung. Wie andere Mit­glieder dieser Gesellschaft geriet auch Pestalozzi schließlich in den Verdacht, sich an Aufrufen gegen Entscheidungen des Züricher Stadtrates beteiligt zu haben, weshalb er am 31.1.1767 in städtischen Arrest genommen wurde. Für Pestalozzi stand von Beginn an die praktische Tätigkeit stark im Vordergrund. Aus diesem Grund brach er seine weiteren Studien in Theologie und Jura vorzeitig ab und beschäftigte sich mit der Landwirtschaft. Es stand in seiner Absicht, den Bauern ein Beispiel zu geben, wie sie ihre miserable Lage verbessern könnten. Doch dieses Vorhaben Pestalozzis scheiterte. Nach der Hochzeit mit Anna Schulthess 1769 gründete Pestalozzi gemeinsam mit seiner Frau auf dem Gut Neuhof im Aargau eine Erziehungsanstalt für arme Kinder. Hier wurde Arbeit mit schulischer Bildung verbunden. In den folgenden 20 Jahren widmete er sich in erster Linie der Schriftstellerei. So legte er in zahlreichen Büchern und Schriften seine Erziehungsgrundsätze dar. Um die bedeutendsten seiner Werke zu nennen: "Die Abendstunde eines Einsiedlers" (1780), in dem Pestalozzi sowohl an den mangelnden pädagogischen Kenntnissen in der Gesellschaft als auch an der schulischen Lehrmethodik Kritik übt, welche er durch eine naturgemäße Erziehung ersetzen wollte; "Lienhard und Gertrud" (1781-1787), welches zu einem Welterfolg werden sollte und mit dem er politische und bildungspolitische Zusammenhänge verdeutlichte; "Meine Nachforschungen über den Gang der Natur in der Entwicklung des Menschengeschlechts" (1797), worin eine Auseinandersetzung Pestalozzis mit der Französischen Revolution stattfindet und er die Ansicht vertritt, das "Menschengeschlecht", welches sich von einem "Naturzustand" zu einem "gesellschaftlichen Zustand" entwickelt habe, müsse sich nun zu einem sittlichen erheben; "Wie Gertrud ihre Kinder lehrt" (1801), in dem er seine pädagogischen Erfahrungen aus seiner praktischen Lehrtätigkeit niederschrieb. Anfänglich stützten sich Pestalozzis Überzeugungen noch deutlich auf die von Rousseau vermittelten Grundsätze, dies sollte sich später allerdings ändern. So revidierte er beispielsweise seine anfangs so kritische Einstellung gegenüber der Schule und trat nun für diese ein und war später nicht mehr von einem unbelasteten "Naturzustand" des Menschen überzeugt. Wirtschaftliche Gründe führten im Jahre 1780 zur Schließung der Gut Neuhofer Einrichtung. So befand er sich nun auf der Suche nach einer Möglichkeit, den Men­schen seine volkserzieherischen Auffassungen zu vermitteln. Diese Möglichkeit bot ihm beispielsweise seine Anstellung als Redakteur beim "Helvetischen Volksblatt". Nachdem Pestalozzi 1792 von der französischen Nationalversammlung zum französischen Ehrenbürger erklärt worden war, übernahm er 1798 das Waisenhaus in Stans. Im kommenden Jahr fand die Gründung des Erziehungsinstituts in Burgdorf statt, in welchem er schließlich auch ein Lehrerseminar einrichtete. Im Jahre 1804 fand dessen Verlegung nach Yverdon statt. Hier wurden seine pädagogischen Grundsätze erprobt. Diese Zeit steht ganz im Zeichen weiterer pädagogischer Ausarbeitungen und Publikationen, die er häufig auch gemeinsam mit seinen Mitarbeitern erarbeitete. Dieses Institut sollte sich zu einem Zentrum der Lehrerbildung in Europa entwickeln. Doch auch diese Einrichtung musste - auf Grund von Unstimmigkeiten unter der Lehrerschaft bezüglich Pestalozzis Nachfolge - im Jahre 1825 geschlossen werden. Im Zentrum all seiner Bestrebungen stand stets das Ideal der bereits erwähnten Volksbildung. Pestalozzi forderte allgemeine Menschenbildung, Überwindung der Standesunterschiede und Anerkennung der Menschenwürde. Ferner bestand für ihn ein Zusammenhang zwischen Erziehung und politisch-sozialer und ökonomischer Umgebung. So stellte Erziehung für ihn den Ausgangspunkt für eine verbesserte soziale Umgebung dar. Seine so genannte "Idee der Elementarbildung" zielte auf eine Erziehung ab, die die Fähigkeiten von Kopf, Herz und Hand harmonisch miteinander vereinen sollte. Ein Grundsatz, der gerade heute wieder als sehr modern erscheint und als Grundlage pädagogischen Handelns vertreten wird. Pestalozzi war der Überzeugung, dass zu einer intellektuellen Bildung stets die Selbstständigkeit der Schüler gehöre. Johann Heinrich Pestalozzi starb am 17. Februar 1827 im Alter von 81 Jahren auf Gut Neuhof. Kaum ein anderer Pädagoge beeinflusste die Entwicklung der mitteleuropäischen Schule so grundlegend. Eine möglichst anschauliche Gestaltung des Schulunterrichts bleibt ein wesentlicher Aspekt der Pädagogik, die auf Pestalozzi zurückzuführen ist. (aus: Matthäus, a.a.O.)

Weblinks

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Literatur

Wolfgang Matthäus (Hg.), Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und „Geschichtspolitik“, Kassel 2005

Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010