Aschrott-Park / Aschrott-Heim: Unterschied zwischen den Versionen

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Ende des 19. Jh. schuf der Gründer des Vorderen Westens, Sigmund Aschrott, den Park am westlichen Ende des heutigen Stadtteils als Abschluss der Hohenzollernstraße. Er setzte beträchtliche eigene Mittel zum Grunderwerb ein, aber auch, um eine international angesehene Gartenbaufirma mit der schwierigen Anlage auf steinigem Gelände zu beauftragen. Im Park mit seiner schönen Aussicht auf den Herkules befindet sich heute die Apostelkapelle. Ihm benachbart liegt das Marie von Boschan Aschrott-Heim, das auf eine Stiftung von Aschrotts Sohn Felix zurückgeht. Der 1930/31 errichtete Bau von Otto Haesler und Karl Völker gilt als bedeutendes Beispiel des internationalen Stils. Die antisemitische NS-Politik löschte vorübergehend die Familie Aschrott als Stifter und Namensgeber für Park und Heim. Die Amerikaner nutzten es nach dem 2. Weltkrieg als "Hotel Waldorf".
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Ende des 19. Jh. schuf der Gründer des Vorderen Westens, Sigmund Aschrott, den Park am westlichen Ende des heutigen Stadtteils als Abschluss der Hohenzollernstraße. Er setzte beträchtliche eigene Mittel zum Grunderwerb ein, aber auch, um eine international angesehene Gartenbaufirma mit der schwierigen Anlage auf steinigem Gelände zu beauftragen. Im Park mit seiner schönen Aussicht auf den Herkules befindet sich heute die Apostelkapelle. Ihm benachbart liegt das Marie von Boschan Aschrott-Heim, das auf eine Stiftung von Aschrotts Sohn Felix zurückgeht. Der 1930/31 errichtete Bau von Otto Haesler und Karl Völker gilt als bedeutendes Beispiel des internationalen Stils. Die antisemitische NS-Politik löschte vorübergehend die Familie Aschrott als Stifter und Namensgeber für Park und Heim. Die Amerikaner nutzten es nach dem Zweiten Weltkrieg als "Hotel Waldorf".
  
 
== Geschichte und Namensgebung ==
 
== Geschichte und Namensgebung ==

Version vom 3. Juli 2013, 20:57 Uhr

Basisdaten
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Geo-Position Koordinaten

Kurzbeschreibung

B7 Luftbild 1938 39.jpg
A7 Das Aschrottheim als Hotel Waldorf.jpg

Ende des 19. Jh. schuf der Gründer des Vorderen Westens, Sigmund Aschrott, den Park am westlichen Ende des heutigen Stadtteils als Abschluss der Hohenzollernstraße. Er setzte beträchtliche eigene Mittel zum Grunderwerb ein, aber auch, um eine international angesehene Gartenbaufirma mit der schwierigen Anlage auf steinigem Gelände zu beauftragen. Im Park mit seiner schönen Aussicht auf den Herkules befindet sich heute die Apostelkapelle. Ihm benachbart liegt das Marie von Boschan Aschrott-Heim, das auf eine Stiftung von Aschrotts Sohn Felix zurückgeht. Der 1930/31 errichtete Bau von Otto Haesler und Karl Völker gilt als bedeutendes Beispiel des internationalen Stils. Die antisemitische NS-Politik löschte vorübergehend die Familie Aschrott als Stifter und Namensgeber für Park und Heim. Die Amerikaner nutzten es nach dem Zweiten Weltkrieg als "Hotel Waldorf".

Geschichte und Namensgebung

A8 Boschan.jpg

Landgerichtsdirektor Geheimer Justizrat Dr. Felix Aschrott hat in seinem Nachtragstestament verfügt, dass ein Teil seines Vermögens für die Gründung einer Stiftung verwendet wird. Dies geschah im Andenken an seine gütige Schwester Frau Hofrätin Marie von Boschan. 1930/31 Errichtung des Altersheims im Bauhausstil für alleinstehende Frauen. Oktober 1943 nach der Zerstörung der Stadt Kassel wurde der Heimbetrieb nur teilweise durchgeführt. Beschlagnahmung durch amerikanische Besatzungsmacht, Betreibung des "Waldorf-Astoria-Hotels" für amerikanische Staatsbürger. 1950 wurde auf dem benachbarten Ruinengrundstück Pappenheimstr. 1 ein zweites Altenheim errichtet. 1959 wurden beide Heime als Betriebseinheit unter gemeinsamer Leitung geführt. Die Aschrott-Altersheim-Stiftung verfolgt ausschließlich mildtätige und gemeinnützige Zwecke. Seit 2009 können auch nicht alleinstehende ältere Frauen dort wohnen. Im Volksmund "Tanten-Aquarium".

Agnes Marie von Boschan war die am 23. August 1870 in Kassel geborene Tochter Sigmund Aschrotts und verheiratet mit Victor Ritter von Boschan, Kaiserlicher Rat in Österreich. Sie starb am 31. Oktober 1926 in Wien. Näheres über ihr Leben war nicht zu ermitteln. Der Bruder der Hofrätin Marie von Boschan Felix Aschrott hatte in einem Nachtrag zu seinem Testament 1926 verfügt, dass ein Drittel seines beträchtlichen Vermögens nicht den bereits gut versorgten Kindern seiner vor ihm gestorbenen Schwester, sondern der Stadt Kassel zugute kommen sollte, um das Andenken an seine Schwester wach zu halten - mit der Auflage auf der Grundlage einer rechtlich unabhängigen Stiftung ein Altersheim für allein stehende Frauen zu errichten. Der von der Aschrott-Stiftung ausgeschriebene Architektenwettbewerb, an dem sich bedeutende Architekten der damaligen Zeit beteiligten, sah Otto Haesler und Karl Völker als Sieger, auf deren Entwurfsgrundlagen 1930/31 ein bedeutendes Bau­werk des internationalen Stils errichtet wurde - nachher in Details modifiziert, inzwischen in umstrittener Weise modernen Anforderungen entsprechend umgebaut. Während der nationalsozialistischen Herrschaft kam es - auf der Grundlage eines der Nürnberger Gesetze von 1935 - zu einem Streit, ob das Aschrottheim die Reichsflagge hissen durfte. Bewohnerinnen waren sowohl jüdische als auch christliche Deutsche. Juden aber war das Hissen der Reichsflagge untersagt. Das NS-Regime erzwang eine Umbenennung der Stiftung und des Heimes. Fortan hieß es: "Tannenkuppen-Stiftung" und "Tannekuppenheim". Baetz berichtet in seinen nach dem Zweiten Weltkrieg entstandenen "Aufzeichnungen über den Geheimen Kommerzienrat Sigmund Aschrott": "Selbst diese wohltätigen Stiftungen waren nicht vor dem Hass der Nazis geschützt, die Inschrift über dem Eingang des Altersheims wurde nachts heruntergeschlagen." Nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmte die amerikanische Besatzungsmacht das Altersheim und machte daraus das "Hotel Waldorf", das Amerikanern vorbehalten war. Um die Bedürfnisse ehemaliger Heimbewohnerinnen zu erfüllen, wurde in der Pappenheimstraße 1 aus einem ehemaligen Ruinengrundstück ein zweites Gebäude des Altersheims errichtet. Erst 1958/59 gelang den vereinten Bemühungen von Stiftung, Politikern und lokaler Presse die Rückgabe des Gebäudes an die Stiftung und den ursprünglichen Zweck. Bei der Bewerbung der Stadt Kassel als Sitz der Bundesregierung 1948/49 hatte die Stadt allerdings selbst das Gebäude als Altersheim aufgegeben und für die Unterbringung von Besuchern oder auch Abgeordneten vorgeschlagen.

aus: Matthäus (Hg.), Hohenzollernviertel

Architektur

Apostelkapelle

1967 wurde an der Südwestecke des Aschrottparkes die Apostelkapelle nach den Entwürfen von Werner Hasper errichtet. Die Kapelle gehört zur Gemeinde der Friedenskirche. Es ist ein kubischer Beton/ Klinkerbau mit freistehendem Glockenturm. Das Glasfensterband gestaltete Dieter von Andrian, das Schnitzwerk über dem Altar und der Altar wurden von dem Kasseler Bildhauer Hermann Pohl gefertigt. Der Innenraum der Kapelle wird von den meisten Besuchern als angenehm empfunden und gern für Gottesdienste und Konzerte genutzt.

Gegenüber der Kapelle in östlicher Richtung befindet sich das Pfarrhaus (ebenso von Werner Hasper) aus dem selben Baujahr im selben Stil und ursprünglich mit der gleichen Klinkerfassade. Bei der letzten Renovierung im Jahr 2011 wurde die Fassade mit einem Wärmedämmputz versehen.


Aschrottheim

Im Jahr 1929 wurde vom Kuratorium der Aschrott Stiftung ein Wettbewerb für ein Altersheim für ältere, rüstige Damen ausgelobt. Bekannte moderne und traditionelle Architekten wie u.a. Poelzig, Hilbersheimer, Gropius, Haesler, Schmitthenner und Tessenow wurden dazu eingeladen. Im Preisgericht saßen u.a. Bonatz, Häring und Taut. Die Wettbewerbsvorgaben sahen außer dem Bauprogramm (z.B. 100 Einzelzimmer mit je 22 qm) eine lichtdurchflutete Anlage mit Südappartements und Trennung von Wirtschaft-und Gemeinschaftsräumen von den Wohnräumen vor. Otto Haesler gewann den ersten Preis und sein Entwurf entsprach den Vorgaben der Bauherren. Bereits 1931 wurde das Altersheim eingeweiht. Die Gebäudeanlage wurde ein Musterbeispiel für den "Funktionalismus", das moderne Bauen der 1920 bis 30 Jahre.

Sie besteht aus zwei parallelen fünfgeschossigen, ca. 60m langen Wohnriegeln, die mit einem zweigeschossigen Quergebäude (Wirtschafts-und Gemeinschaftsräume) verbunden sind. Rechtwinklig an den nördlichen Wohnriegel schließt sich noch ein dreigeschossiger Bau mit Heizanlage, weiteren Nebenräumen und Heimleiterwohnung an.

Ursprünglich bestanden alle Appartements der einbündigen Wohntrakte aus einem Vorflur, einer Bettnische (mit Waschbecken) und dem lichtdurchfluteten Wohnbereich, der nach Süden orientiert ist. Diese Fassade ist voll verglast (ursprünglich Holzfenster), jeweils war ein tiefes Blumenfenster (Metallkonstruktion) integriert und und vor der Front läuft ein durchgehender Balkon. 1935 wurden noch Markisen als Sonnenschutz angebracht, die dem ganzen Gebäude eine zusätzliche Leichtigkeit verliehen. Die Erschließungsflure sind nach Norden verglast. Die Nassbereiche lagen auf den Etagen außerhalb der Wohnappartements.

Die Konstruktion besteht aus Stahlskelettbinderrahmen (Achsabstand 4m = eine Zimmerbreite). Die Fassade war ursprünglich weiß verputzt. Alle Gebäudeteile haben Flachdächer.

Im Laufe der Jahre bis heute wurden Umbauten und Veränderungen an den Gebäuden vorgenommen, hier die auffälligsten:

Nach Umnutzungen in der Kriegs-und Nachkriegszeit wurde das Gebäude im Jahre 1958 wieder an die Stiftung zurückgegeben und nach der Renovierung durch Catta und Groth seiner ursprünglichen Nutzung als Altersheim zugeführt.

Im Jahr 1960 wurde die weiß verputzte Fassade mit grauen Keramikfliesen versehen.

Im Jahr 1981 wurden neue Fenster eingesetzt. Die Blumenfenster verschwanden, ebenso teilweise die Markisen.

Im Jahr 2000 wurde ein Erweiterungsbau auf der gesamten Nordseite des südlichen Traktes direkt angefügt (Architekt August Engel). Dort sind u.a. Etagenspeiseräume und Personalstationen untergebracht. In die Ebene der ehemaligen Erschließungsflure wurden Nasszellen direkt an die Wohnappartments angebaut. Dies war nach den heutigen Anforderungen für altersgerechtes Wohnen nötig.

Trotz der Umbauten und Veränderungen ist der Ursprungsbau noch gut zu erkennen und die Gesamtanlage in seiner transparenten Leichtigkeit gilt nach wie vor als ein Musterbeispiel der "Neuen Sachlichkeit" und ist ein Kulturdenkmal im geschichtlichen und künstlerischen Sinn.

Sehenswürdigkeiten / Besonderheiten

Sigmund Aschrott

Der (spätere) Geheime Kommerzienrat Sigmund Aschrott wurde am 14. Juni 1826 in Hochheim/Main als Sohn eines jüdischen Gutsbesitzers geboren. Die Aschrotts zogen nach Kassel und betrieben hier ein Leinengeschäft (zuerst in der Oberen Karl­s­­stra­ße, später in der Unteren Königsstraße). Nachdem der junge Aschrott eine kaufmännische Lehre in Frankfurt/Main durchlaufen hatte, kehrte er in das väterliche Geschäft zurück, welches durch ihn eine grundlegende Änderung erfuhr. Aschrott belieferte Handwerker aus dem Kaufunger Wald, am Meißner und in der Spangenberger Gegend mit Rohstoffen, um fertige Erzeugnisse zu kaufen und schließlich zu ver­markten. Der Geschäftsmann Aschrott zeichnete sich insbesondere als Förderer be­sonders tüchtiger Mitarbeiter aus, die er schließlich in die Selbstständigkeit führte. Viele - beinahe alle führenden Persönlichkeiten der Kasseler Leinenindustrie - durchliefen die Aschrott'sche Schule. Mit Aschrott wurde nicht nur die Produktion verbessert, sondern es wurden auch Produkte entwickelt, denen nicht selten auf internationaler Ebene Anerkennung entgegengebracht wurde und die unter anderem der noch im Aufkommen begriffenen chemischen Industrie dienten. Doch nicht nur der väterliche Betrieb expandierte durch Aschrotts Tatkraft. In Melsungen beispielsweise übernahm Aschrott die Scholl'sche Weberei, die vor seinem Eingreifen noch von Schließung bedroht war. So wird deutlich, dass Aschrott nicht zuletzt auch entscheidend bei der Beschaffung von Arbeitsplätzen mitwirkte. Obwohl er zu Lebzeiten nur eine zurückhaltende Würdigung für seine Arbeit, seine großzügigen Schenkungen und Stiftungen erfuhr, kommt ihm eine zentrale Bedeutung als Förderer der Entwicklung Kassels zu. Aschrott hatte die Entwicklung anderer größerer Städte beobachtet und verfolgte daher das Ziel, Kassels Stadtgebiet auf ähnliche Weise auszuweiten. Insbesondere ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts spielte er die wesentliche Rolle für die Stadt in der Erschließung des Weststadtteils (Hohenzollernviertel) mit der vorderen Hohenzollernstraße, der Parkstraße, der Bismarckstraße sowie Westend- und Annastraße, der Viktoriastraße und der Kaiserstraße bis zur Querallee, die nun die neue westliche Bebauungsgrenze darstellte. Somit gehörte die frühere westliche Begrenzung bei Ständeplatz und Königstor der Vergangenheit an. Günstige Voraussetzungen für solche Vorhaben waren auch politisch entstanden. Die Annexion und Auflösung Kurhessens 1866 machte Kassel zur Hauptstadt der neu entstandenen preußischen Provinz Hessen-Nassau und damit zum Sitz der preußischen Regierung und der Heeresverwaltung. Mit der Annexion ging aber auch durch die Einführung der Gewerbefreiheit 1869 die staatliche Bevormundung der Wirtschaft zu Ende und dies ermöglichte der Stadt einen Aufschwung, in dem neue Fabriken und Großbetriebe entstanden. Aschrotts städtebauliche Aktivitäten reichten danach in die Gemarkungen der selbstständigen Gemeinden Wehlheiden, Wahlershausen und Kirchditmold hinein, wo er von Privatpersonen (meist Bauern) Land kaufte und Straßen anlegte (als Privatmann!) - also die Voraussetzungen für eine städtische Bebauung schuf. Die städtebaulichen Pläne entwarf der bedeutende Städtebauer Hermann Joseph Stübben. In der Schrift des Stadtmuseums "Wehlheiden. Vom Dorf zum Stadtteil" heißt es zum städtebaulichen Aspekt: "In den Gemarkungen der damals noch selbständigen Gemeinden Wehlheiden, Wahlershausen und Kirchditmold erwarb die Aschrott'sche Grundstücksverwaltung insgesamt ca. 140 ha privaten und öffentlichen Grund und Boden zum Preis von 0,60 bis zu 1,00 Mark pro Quadratmeter. Einige der Bauern bezogen nach den Verkäufen ihrer Wiesen und Äcker nunmehr als Privatiers eigene Villen im vornehmen ‚Hohen­zollern-Viertel'. Das abschüssige und hügelige Gelände erforderte eine besondere An­lage der Straßen. Zum Beispiel machten die Hanglagen am Kratzenberg spitze und stumpfe Winkel in der Straßenführung notwendig. So entstanden westlich der Querallee Plätze und Straßenkreuzungen, auf welche die neuen Straßen nicht mehr so steil zuliefen, wie die zuvor östlich der Querallee angelegten. An den Verkehrsknotenpunkten wurden baumbestandene Grünanlagen geplant, die wie der Neumarkt (Bebelplatz), Kaiserplatz (Goethestraße, in Höhe des Finanzamtes) und wie der heutige ,’Goethe­-stern’ zum Flanieren einladen sollten. (…) Von 1884 bis 1894 ist westlich der Querallee ein Straßennetz von 11 km Länge, mit breiten zumeist mit Mosaikpflaster verzierten Bürgersteigen entstanden. Dazu waren auf einer Baufrontlänge von ca. 24 km umfangreiche Erdbewegungen, Dammaufschüttungen und Stützmauern notwendig. Ein großzügig angelegtes Wohnviertel ohne störende Industriebetriebe sollte es werden. Villen sollten entstehen, höchstens vierstöckige Häuserzeilen, repräsentative Wohnungen für höhere Beamte und Angestellte mit großen, hohen und lichtdurchfluteten Räumen. Vorgärten und Grünanlagen sollten für genügend Licht und Luftzufuhr sorgen, Alleen und Boulevards mit Baumreihen zu beiden Seiten den eher vornehmen Charakter des ‘Hohenzollern-Viertels’ betonen. Einige Straßen sollten in begrünte Plätze wie zum Beispiel den Neumarkt (Bebelplatz) oder den Luisenplatz münden. Sigmund Aschrott plante das neue Stadtviertel zukunftsorientiert, voll pulsierenden städtischen Lebens. Nicht nur waren für die Kaiserstraße (Goethestraße) Reitwege vorgesehen, die Hauptstraßen wurden auch breit anlegt, um das zu erwartende höhere Verkehrsaufkommen bewältigen zu können. Von den ca. 140 ha Land, das Aschrott von Privatleuten und den umliegenden Gemeinden Wehlheiden, Kirchditmold und Wahlershausen erworben hatte, wurden ca. 31 ha zur Errichtung von breiten Straßen, großzügig gestalteten Plätzen und Grünanlagen ver­wandt. Aschrotts Aufwendungen für Straßenbauten und Infrastrukturmaßnahmen betrugen mehr­ere Millionen Mark. Die Investitionen waren groß, zumal in den Ländereien offene Wasserläufe kanalisiert, umgeleitet oder trockengelegt werden mussten. Auf den Baustil der auf ihren Grundstücken errichteten Häu­ser hatte die Aschrott'sche Grund­­stücksverwaltung keinen direkten Einfluss, beim Verkauf der Grundstücke ließ sie aber einheitlich eine Grunddienstbarkeit darauf eintragen, die Lärm, Dampf oder üblen Geruch verbreitendes Gewerbe auf den belasteten Grundstücken untersagte, mit dem Ziel, ein Absinken des Wohnwertes im ,’Hohenzollern-Viertel’ zu verhindern."

Aschrott war stets bemüht, Bewohner sowie auch zentrale Behörden nach Kassel zu ziehen. So schenkte er der Stadt beispielsweise den Baugrund für eine englische Kirche in der Murhardstraße, um die in Kassel lebenden Engländer zu halten. Auch war es Aschrott, der das Bauunternehmen C. Zulehner & Co. nach Kassel holte, womit letztendlich der Bau vieler Häuser und dementsprechend ein Wohnungsüberschuss einherging, dem der Bevölkerungszuwachs der Stadt zunächst nicht nachkommen konnte. Doch auch andere Bauunternehmen profitierten in Zeiten finanzieller Engpässe von der Tätigkeit Aschrotts. Heute noch sind die Auswirkungen seines Wirkens spürbar. Nicht nur die Tatsache, dass es sich beim Kasseler Westen um ein industriefreies Wohngebiet handelt, sondern auch die unzähligen Schenkungen und Stiftungen, die Kasseler Bürgern bis heute zu Gute kommen, sind eindeutig Aschrotts Verdienst. Zu diesen gehörten neben bereits erwähnten Schenkungen drei Parks, die mit der Absicht, das Stadtbild durch Grünanlagen aufzulockern, angelegt wurden: der Bismarckpark (später Reichsbahn- bzw. Bundesbahndirektion), der Aschrottpark und der Florapark, den Aschrott schließlich der Stadt mit der Bedingung, hierauf bis 1913 eine Stadthalle zu errichten, als Schenkung übergab. Darüber hinaus gingen die so genannte "Kasseler Stadteisenbahn", eine Pferdebahnlinie, ebenso wie der Brunnen am Rathaus auf Aschrott zurück. Er gewährleistete die Voraussetzungen für die Gründung verschiedener Lehrstätten, stellte Grundstücke für den Bau von Kirchen zur Verfügung (Adventskirche, Rosenkranzkirche), zeigte sich entgegenkommend beim Erwerb des Grundstückes für die lutherische Friedenskirche und ermöglichte dem Hessischen Diakonissenhaus einen erheblichen kostenlosen Flächenzuwachs seines Geländes. Ähnliche Stiftungen fanden auch durch seinen - neben vier Töchtern - einzigen Sohn Paul Felix Aschrott statt, denen z. B. das Wohlfahrtshaus in der Obersten Gasse und das Marie von Boschan-AschrottHeim zu verdanken ist (vgl. Felix Aschrott, Marie von Boschan-Aschrott Heim). 1885 siedelte Aschrott nach Berlin über, wo er am 5. Mai 1915 im Alter von 88 Jahren verstarb und auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt wurde. Hier zeugt ein großes Mausoleum vom irdischen Reichtum eines Unternehmers. Bis zum Tode Aschrotts war die Bebauung des Weststadtteils etwa bis zum Bebelplatz vorgerückt. Große Flächen Bauland gingen noch aus seinem Nachlass in den Besitz der Stadt Kassel über - immer mit der Auflage, auf diesen Gebieten keine Ansiedlungen von Industrien zuzulassen. Im Zentrum des Interesses von Aschrott hatte stets die Schaffung eines Stadtteils für die Menschen aller Schichten und Stände gestanden, in dem diese ein gesundes und zufriedenes Leben führen konnten. Damit hatte er nicht ganz Erfolg, obwohl er im Westen vereinzelt auch den Arbeiterwohnungsbau förderte und der neue Stadtteil nicht ganz so homogen bürgerlich und von Offizieren geprägt war, wie das immer angenommen wird. Mit dem in der Stadt Kassel vorherrschenden Baustil hat sich Aschrott eher nicht identifizieren können. Trotz aller offensichtlichen Gewinne für Kassel und Umgebung, die auf den Industriellen Aschrott zurückgehen, waren und sind die Meinungen über ihn bis heute gespalten: Während ihn die einen als Geschäftsmann harter Prinzipien, als Spekulanten, kritisieren, wird er andererseits als großzügiger Wohltäter gepriesen, der sich durch eine fein gebildete Persönlichkeit ebenso wie eine ungeheure Tatkraft, einen enormen Einsatz seines Vermögens und einen schlichten Lebensstil auszeichnete. Antisemiten äußerten (natürlich) immer wieder Kritik an dem Juden Aschrott, oft erschien sein freies Unternehmertum fremdartig und verdächtig (vielleicht auch deshalb, weil es sich unter den hessischen Fürsten nie hatte wirklich entfalten können). Nachdem Antisemiten 1933 zur herrschenden Partei in Deutschland geworden waren und eine Diktatur errichteten, verschwand Aschrotts Name vom Stadtplan, was nach 1945 wieder rück­gängig gemacht wurde. Die heutige Aschrottstraße ist jedoch nur ein kleiner Teil der ursprünglichen. Neben dem Straßennamen sollte auch alles andere, was an ihn erinnert hätte, verschwinden: Das Marie von Boschan-Aschrott-Heim, das offen war für alle Glaubensrichtungen, musste sich Tannenkuppenheim nennen. Der Aschrottbrunnen wurde zerstört und 1943 in ein Blumenbeet umgewandelt. "1963 wurde er wiederum in einen Springbrunnen umgestaltet, bis er in den 80er Jahren, in Folge großer Anstrengungen des Vereins zu Rettung historischer Denkmäler und anlässlich der Documenta 8 wiederaufgebaut wurde. Der Künstler Hoheisel gestaltete den Brunnen 1987 als ‚offene Wunde', das heißt er wurde als hohler Kegel in den Boden hineingebaut. Hoheisel bezweckte mit seinem Kunstwerk, dass man, wenn man in der Mitte des Brunnen steht, sich an die Historie des Aschrottbrunnens erinnert und die Gedanken mit dem hinabstürzenden Wasser in die Geschichte hineingezogen werden", heißt es auf der Internetseite der Stadt Kassel. Das Gesicht Kassels hat Aschrott wie kaum ein anderer geprägt und nicht selten ging er dabei über das hinaus, was rein vertragliche Festlegungen von ihm gefordert hätten.

aus: Matthäus, Hohenzollernviertel


Felix Aschrott

Paul Felix Aschrott wurde am 13. Mai 1856 in Kassel als Sohn des Textilfabrikanten, Multimillionärs und Gründers des heutigen Vorderen Westens, Sigmund Aschrott, geboren und starb am 31. Oktober 1927 in Berlin. Platz und Straße sollten vermutlich nach ihm benannt werden. Auf alten Stadtplänen sind sie so bezeichnet. Felix Aschrott schlug eine andere berufliche Laufbahn ein als sein Vater. Er studierte von 1874-1876 in Leipzig, Heidelberg und Berlin Rechtswissenschaften, legte 1877 in Berlin sein Referendarexamen ab und promovierte im gleichen Jahr zum Dr. jur. utr. in Leipzig. Das Ergebnis eines Studienaufenthaltes in England 1884/85 war ein Werk über die Armenfürsorge und das Armenwesen in England, mit dem er 1886 in Leipzig zum Dr. phil. promovierte, ein Werk, das auch ins Englische und Russische übersetzt wurde. Einer Amtsrichtertätigkeit in Landsberg/Warthe folgte 1888 ein Studienaufenthalt zum dortigen Strafvollzug in den USA. Anschließend war Aschrott in Berlin als Richter tätig, wirkte maßgeblich im "Deutschen Verein" mit, wobei er sich vor allem für die Grenzgebiete zwischen Armenpolizei und Strafrecht interessierte. Seit 1903 Landgerichtsdirektor in Elberfeld, ließ er sich bereits 1905 wieder entlassen, um sich ganz der Tätigkeit für die Internationale Kriminologische Gesellschaft und die Verwaltung seines erheblichen Vermögens widmen zu können. Mit Franz von Liszt und anderen war er entscheidend an einer großen strafrechtlichen Reformbewegung beteiligt. Felix Aschrott war auch ein sehr einflussreicher Theoretiker der Armenfürsorge. In dem Buch von Christoph Sachße und Florian Tennstedt: "Bettler, Gauner und Proleten" wird er als "Freund der Armen" vorgestellt. Gleichwohl formulierte Aschrott 1907 in einer Situation steigender Ausgaben für die Armenfürsorge: "Der Staat hat ein erhebliches Interesse daran, dass bei der Gewährung von Unterstützungen auf das energischste Bedacht genommen wird, dass die Bevölkerung in ihrem Bestreben, selbst für sich zu sorgen, nicht lässig wird. Von diesem Gesichtspunkte aus darf die Lage der Unterstützten nicht über das Niveau des ärmsten und selbständigen Arbeiters erhoben werden." Damals war das "Mindestlohnniveau" eines Arbeiters äußerst niedrig und verringerte sich in Krisenzeiten, heute geht die aktuelle wirtschaftspolitische Debatte auch um Mindestlöhne. Dem mehrfachen Millionär Felix Aschrott verdankt seine Geburtsstadt - wie seinem Vater - vieles. Er bestimmte in seinem Testament 1926, dass ein Drittel seines Vermögens zur Errichtung einer Stiftung an die Stadt Kassel unter dem Namen "Dr. Aschrott Wohlfahrtshaus" gehen sollte - entsprechend Einrichtungen in den USA. Der Bau wurde erst 1954/55 in der Obersten Gasse/Ecke Entenanger errichtet und beherbergt heute die Kinder- und Jugendbibliothek der Stadt. In einem Nachtragstestament, gleichfalls 1926, bestimmte er, dass das eigentlich seiner inzwischen verstorbenen Schwester zufallende Erbteil von 3 Mio. Reichsmark (heute mindestens das Zehnfache) nach seinem Tod ebenfalls der Stadt Kassel zufallen sollte, mit der Auflage, ein Altersheim für ältere und allein stehende Damen, ungeachtet von Religion und Konfession, zu errichten. 1931 wurde der Bau der Marie von Boschan Aschrott-Stiftung als Ergebnis eines Architektenwettbewerbs errichtet.

aus: Matthäus (Hrsg.), Hohenzollernviertel

Weblinks

Webseite der Marie von Boschan Aschrott-Altersheim-Stiftung

Dateien

Datei:FOTO
Datei:FOTO2

Wolfgang Matthäus (Hg.), Plätze im Westen. Geschichte(n) eines Kasseler Stadtteils, Kassel 2010

Wolfgang Matthäus (Hg.), Vom Hohenzollernviertel zum Vorderen Westen. Straßennamen, Geschichte und „Geschichtspolitik“, Kassel 2005

Thomas Wiegand, Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Hessen. Stadt Kassel II, hg. vom Landesamt für Denkmalpflege Hessen, Wiesbaden 2005

Literatur